Die Aufgabe will das Hauptziel eines Unternehmens wissen, und zwar so, wie es ein Autor
namens Reichling formuliert.
Der Arbeitsauftrag heißt „Definieren“. Definieren heißt: genau sagen, was ein Begriff
bedeutet. Es reicht also nicht, ein Stichwort hinzuschreiben. Man nennt das Hauptziel und sagt
in ein, zwei Sätzen, was damit gemeint ist.
Die Aufgabe bringt 3 Punkte. Das ist eine kurze Antwort: der Satz nach Reichling und
zwei erklärende Sätze.
Der Weg:
- klären, was ein Hauptziel ist (Schritt 1),
- den Satz nach Reichling Stück für Stück lesen (Schritte 2 und 3),
- zeigen, welche Rolle der Gewinn spielt (Schritte 4 bis 6),
- die Antwort für die Klausur (Schritt 7).
Hauptziel ganz oben · Mittel dienen ihm
Ein Ziel ist ein Zustand, den ein Unternehmen erreichen will. Ein Unternehmen hat
viele Ziele gleichzeitig: Gewinn machen, Kunden halten, neue Geräte kaufen, gute Leute
finden.
Diese Ziele stehen nicht gleichberechtigt nebeneinander. Viele Ziele verfolgt man,
um ein anderes Ziel zu erreichen. Ein solches untergeordnetes Ziel heißt
Mittel. Das Ziel, dem am Ende alle anderen dienen, heißt Hauptziel.
Beispiel Bäckerei (erfunden): Sie will Gewinn machen, um einen neuen Ofen zu kaufen. Den
Ofen braucht sie, um weiter backen zu können. Und weiter backen will sie, damit es die
Bäckerei auch in Zukunft gibt.
Die Frage der Aufgabe lautet also: Was steht nach Reichling ganz oben? Im Bild ist das der
oberste Kasten. Jeder Pfeil ▲ zeigt vom Mittel zu dem Ziel, dem es dient.
Merke: Ein Mittel erkennt man an der Frage „Wozu?“. Hat die Antwort noch ein „um …
zu“, ist man noch nicht beim Hauptziel.
Hauptziel = Erhaltung des Unternehmens
Die Musterlösung gibt das Hauptziel nach Reichling in einem Satz an:
„Die Erhaltung des Unternehmens bis zum jüngsten Tag und darüber hinaus.“
Diesen Satz sollte man in der Klausur wörtlich hinschreiben.
Wir lesen ihn in zwei Teilen. Zuerst: Erhaltung des Unternehmens.
-
Erhaltung heißt: Das Unternehmen besteht weiter. Es kann weiter produzieren,
verkaufen und seine Leute bezahlen.
-
des Unternehmens heißt: Es geht um das Unternehmen als Ganzes. Die Bäckerei soll
bleiben, auch wenn die heutige Inhaberin eines Tages in Rente geht.
Warum steht gerade das ganz oben? Jedes andere Ziel setzt voraus, dass es das Unternehmen
noch gibt. Eine geschlossene Bäckerei macht keinen Gewinn, hat keine Kunden und bildet
niemanden aus.
Merke: Die Erhaltung ist die Voraussetzung für alle anderen Ziele. Deshalb ist sie
das Hauptziel.
zeitlich unbegrenzt · kein geplantes Ende
Der zweite Teil sagt, wie lange das Unternehmen erhalten werden soll.
Der jüngste Tag ist ein alter Ausdruck aus der christlichen Tradition. Er meint den
letzten Tag der Welt. „Jüngst“ heißt hier „letzter“, nicht „neuester“. „Bis zum jüngsten
Tag“ bedeutet in der Alltagssprache: für immer.
„Und darüber hinaus“ ist eine Übertreibung. Sie macht klar: Es gibt keinen
Zeitpunkt, an dem das Ziel erreicht und erledigt wäre.
Im Bild steht dafür der Zeitstrahl unter dem Hauptziel: Er beginnt bei der Gründung und
hat kein Ende.
Das hat eine Folge für das Handeln: Jede Entscheidung muss man auch daran messen, was sie
in vielen Jahren bewirkt. Ein schneller Vorteil heute zählt wenig, wenn er das Unternehmen
später schwächt.
Merke: Reichlings Satz beschreibt ein Ziel ohne Enddatum. Das Unternehmen soll
dauerhaft bestehen.
Erhaltung braucht: Zahlungsfähigkeit + Gewinn auf Dauer
Die Aufgabe fragt nur nach dem Hauptziel. Um es zu verstehen, hilft aber die Frage: Woran
scheitert ein Unternehmen? Daraus folgt, was es zum Überleben braucht. Die beiden
Bedingungen hier sind allgemeines BWL-Wissen, keine Aussage von Reichling.
1. Zahlungsfähigkeit. Das Unternehmen muss jede Rechnung pünktlich bezahlen können:
Miete, Löhne, Mehl. Kann es das nicht mehr, ist es zahlungsunfähig. Dann droht die
Insolvenz, also das Aus.
2. Gewinn auf Dauer. Gewinn ist, was übrig bleibt, wenn man vom
Erwirtschafteten alles abzieht, was der Betrieb verbraucht hat. Ist das Ergebnis negativ,
heißt es Verlust. Einen Verlust muss jemand bezahlen, meist die Eigentümer aus
ihrem eingesetzten Geld. Nach einigen Verlustjahren ist dieses Geld aufgebraucht.
Beides hängt zusammen, ist aber nicht dasselbe. Auch ein Unternehmen mit Gewinn kann
zahlungsunfähig werden, etwa wenn seine Kunden sehr spät bezahlen.
Diese Bedingungen sind Mittel im Sinn von Schritt 1: Man erfüllt sie, um das Hauptziel zu
erreichen. Im Bild steht die Zahlungsfähigkeit direkt unter dem Hauptziel, der Gewinn
weiter unten. Warum er dort steht, zeigt Schritt 5.
Merke: Gewinn ist eine Bedingung für die Erhaltung, aber nicht die einzige.
Gewinn → investieren · Polster · Entgelt → Erhaltung
Jetzt wird sichtbar, warum der Gewinn ein Mittel ist. Man braucht ihn für Dinge,
die das Unternehmen am Leben halten:
-
Investieren: Eine Investition ist Geld, das man heute ausgibt, damit der
Betrieb morgen weiterarbeiten kann. Der alte Backofen der Bäckerei ist verschlissen. Aus
dem Gewinn wird ein neuer bezahlt.
-
Polster: Ein Teil des Gewinns bleibt im Unternehmen. So eine
Rücklage fängt ein schlechtes Jahr ab.
-
Entgelt für die Eigentümer: Die Inhaberin hat eigenes Geld in die Bäckerei
gesteckt. Bekommt sie dafür nichts, legt sie es lieber woanders an. Dann fehlt es der
Bäckerei.
In allen drei Fällen lautet die Antwort auf „Wozu Gewinn?“: damit es das Unternehmen
weiter gibt. Die Frage „Wozu?“ aus Schritt 1 führt also vom Gewinn nach oben zum
Hauptziel. Im Bild: vom Gewinn nach oben über Investieren, Polster und Entgelt zum
Hauptziel.
Merke: Gewinn ist Mittel zum Zweck. Der Zweck ist die Erhaltung des
Unternehmens.
mehr Gewinn heute ≠ Erhaltung morgen
Selbstzweck heißt: etwas wird um seiner selbst willen verfolgt, ohne weiteren
Zweck. Wäre der Gewinn Selbstzweck, müsste man ihn in jedem Jahr so groß wie möglich
machen, egal was danach kommt.
Die Tabelle rechts zeigt, warum das nicht zum Hauptziel passt. Die Bäckerei kann ihren
Gewinn in diesem Jahr leicht erhöhen:
- billigeres Mehl kaufen,
- die Wartung des Ofens streichen,
- keine Lehrlinge mehr ausbilden.
Jede dieser Maßnahmen spart heute Geld. Jede schadet aber dem Unternehmen in ein paar
Jahren: Kunden wandern ab, der Ofen fällt aus, Fachleute fehlen.
Wer das Hauptziel „Erhaltung bis zum jüngsten Tag“ ernst nimmt, verzichtet auf solchen
Gewinn. Im Bild steht dafür der gestrichelte Kasten mit dem ✗.
Merke: Gewinn ja, aber nur so, dass das Unternehmen dauerhaft bestehen bleibt. Der
Gewinn steht unter dem Hauptziel, nicht darüber.
Hauptziel nach Reichling:
Erhaltung des Unternehmens bis zum jüngsten Tag und darüber hinaus
So kann die Antwort in der Klausur aussehen:
„Das Hauptziel eines Unternehmens nach Reichling ist die Erhaltung des Unternehmens bis zum
jüngsten Tag und darüber hinaus. Das Unternehmen soll also dauerhaft und ohne geplantes Ende
bestehen. Andere Ziele wie der Gewinn sind Mittel dazu, nicht selbst das Ziel.“
Der erste Satz ist der Satz der Musterlösung. Die beiden anderen Sätze zeigen, dass man ihn
verstanden hat. Das passt zum Arbeitsauftrag „Definieren“.
Zusammengefasst:
- Hauptziel = das oberste Ziel, dem alle anderen dienen.
- Nach Reichling: Erhaltung des Unternehmens.
- „Bis zum jüngsten Tag und darüber hinaus“ = zeitlich unbegrenzt.
- Gewinn ist ein Mittel dafür (investieren, Polster, Entgelt), kein Selbstzweck.
Typische Fehler: „Gewinnmaximierung“ als Hauptziel nach Reichling angeben. Nur
„Erhaltung“ schreiben und den Zeitbezug weglassen. Den jüngsten Tag als „den nächsten Tag“
verstehen.
Ergänzung (nicht verlangt): Eine ähnliche Idee kennt auch das Handelsrecht. Beim
Jahresabschluss, der Abrechnung am Ende jedes Geschäftsjahres, geht man davon aus, dass das
Unternehmen weitergeführt wird. Dieser Grundsatz heißt Fortführungsgrundsatz, englisch
„going concern“.