Der Weg: Teil (i) besteht aus zwei Gleichungen zwischen Mengen, den
de Morgan’schen Regeln. Sie heißen nach dem Mathematiker Augustus De Morgan. Für jede
Regel färben wir die linke und die rechte Seite im Venn-Diagramm ein und vergleichen (Schritte
1 bis 9). Teil (ii) ist eine Gleichung zwischen Anzahlen. Dort zählen wir die Bereiche
ab (Schritte 10 bis 13).
Aus Aufgabe 3 („Mengenoperationen am Venn-Diagramm“): Das Rechteck ist die Grundmenge
Ω (in Aufgabe 1 Ergebnisraum genannt), der linke Kreis ist
A, der rechte
B.
A∪B heißt: in
A oder in
B.
A∩B heißt: in
A und in
B.
Ac heißt: alles in
Ω, was nicht in
A liegt.
In Teil (i) wird behauptet, dass zwei Mengen gleich sind. Zwei Mengen sind gleich, wenn
sie dieselben Elemente enthalten.
Für jedes Element gibt es genau zwei Fragen: Liegt es in A, ja oder nein? Liegt es in B,
ja oder nein? Das ergibt 2⋅2=4 Möglichkeiten. Deshalb hat das Venn-Diagramm vier
Bereiche: „nur A“, „in beiden“, „nur B“ und „in keinem“ (außerhalb beider Kreise). Jedes
Element liegt in genau einem davon.
Ein Bereich ist also nur ein Stück Fläche. Er steht für alle Elemente mit derselben Antwort
auf die zwei Fragen. Wenn links und rechts dieselben Bereiche gefärbt sind, enthalten
beide Seiten dieselben Elemente.
Warum das ein Beweis ist: Das Bild steht für
beliebige Mengen. Es zeigt alle
vier möglichen Lagen eines Elements, also ist kein Fall vergessen. Ein Bereich darf auch leer
sein, zum Beispiel wenn
A und
B nichts gemeinsam haben oder
A ganz in
B liegt. Das
ändert nichts: Ein leerer Bereich ist links und rechts gleich leer.
Die linke Seite ist (A∪B)c. Klammern werden von innen nach außen abgearbeitet,
also zuerst A∪B.
Das sind beide Kreise zusammen: die drei Bereiche „nur A“, „in beiden“ und „nur B“.
links:
(A∪B)c
Das Komplement dreht die Färbung um: gefärbt wird alles im Rechteck Ω, was
vorher nicht gefärbt war.
Übrig bleibt nur der Bereich „in keinem“, also außerhalb beider Kreise. Das ist die linke
Seite der ersten Regel.
Die rechte Seite ist Ac∩Bc. Auch hier kommen erst die Bausteine.
Ac ist alles außerhalb des linken Kreises: der Bereich „nur B“ und der Bereich „in
keinem“.
Bc ist alles außerhalb des rechten Kreises: der Bereich „nur A“ und wieder der
Bereich „in keinem“.
Beide Flächen haben also den Bereich „in keinem“ gemeinsam. Das wird im nächsten Schritt
wichtig.
(A∪B)c=Ac∩Bc
Ac∩Bc behält nur, was in Ac und in Bc liegt. Die Tabelle
prüft das Bereich für Bereich. Die Einträge stammen aus den Schritten 2, 3 und 4.
| Bereich |
Ac |
Bc |
Ac∩Bc |
(A∪B)c |
| nur A |
nein |
ja |
nein |
nein |
| in beiden |
nein |
nein |
nein |
nein |
| nur B |
ja |
nein |
nein |
nein |
| in keinem |
ja |
ja |
ja |
ja |
Die letzten beiden Spalten stimmen in jeder Zeile überein. Also ist links und rechts
dieselbe Fläche gefärbt. Damit ist die erste Regel gezeigt.
In Worten: „Weder
A noch
B“ ist dasselbe wie „nicht
A und nicht
B“.
Jetzt kommt die zweite Regel: (A∩B)c=Ac∪Bc. Das Vorgehen ist
dasselbe.
Innen zuerst: A∩B ist nur der Bereich „in beiden“, also die Überlappung in der
Mitte.
links:
(A∩B)c
Wieder umdrehen: gefärbt ist jetzt alles außer dem Bereich „in beiden“. Das sind
drei Bereiche.
Auch die Bereiche „nur A“ und „nur B“ sind gefärbt. Ihre Elemente liegen in einer Menge,
aber nicht in beiden.
rechts:
Ac∪Bc
Ac und Bc sind dieselben Flächen wie in den Schritten 3 und 4. Diesmal werden
sie aber mit „oder“ verbunden, also zusammengelegt.
| Bereich |
Ac |
Bc |
Ac∪Bc |
| nur A |
nein |
ja |
ja |
| in beiden |
nein |
nein |
nein |
| nur B |
ja |
nein |
ja |
| in keinem |
ja |
ja |
ja |
Ein Bereich gehört dazu, sobald in einer der beiden Spalten „ja“ steht. Zusammen ergibt
das: „nur A“, „nur B“ und „in keinem“, also alles außer der Mitte.
(A∩B)c=Ac∪Bc
Links (Schritt 7) sind „nur A“, „nur B“ und „in keinem“ gefärbt. Rechts (Schritt 8) sind
es dieselben drei Bereiche. Damit ist auch die zweite Regel gezeigt.
Muster: Zieht man das Komplement über eine Klammer, passieren
zwei Dinge:
Jede Menge in der Klammer bekommt ein
c, und
∪ wird zu
∩ (und umgekehrt). Nur
das Zeichen zu tauschen, reicht nicht:
(A∪B)c ist
nicht A∩B.
∣A∣ ist die Anzahl der Elemente von A. Man nennt das auch die
Mächtigkeit von A.
Aus Aufgabe 1 („Ergebnisraum und Ereignisse“): Dort stand
∣Ω∣=4: Der
Würfel mit vier Seiten hat vier mögliche Ergebnisse. Die zwei Striche zählen ab, wie viele
Elemente in der Menge liegen.
Als Beispiel dienen die Mengen aus Aufgabe 3: A={1,2,3} und B={2,4,6}. Im
Bild stehen in jedem Bereich die zugehörigen Zahlen. Darunter steht, wie viele Zahlen der
Bereich enthält.
| nur in A |
1, 3 |
2 Stück |
| in beiden |
2 |
1 Stück |
| nur in B |
4, 6 |
2 Stück |
∣A∣+∣B∣=3+3=6
∣A∣=3, denn A enthält 1, 2 und 3. ∣B∣=3, denn B enthält 2, 4 und 6. Addiert
ergibt das 3+3=6.
Aber: Die 2 steckt in A und in B. Beim Addieren wird sie deshalb
zweimal gezählt. Im Bild ist sie rot markiert.
∣A∪B∣=5
Die Vereinigung enthält 1, 2, 3, 4 und 6. Das sind fünf verschiedene Zahlen, nicht
sechs.
Der Unterschied ist 6−5=1. Das ist genau ∣A∩B∣=∣{2}∣=1: die eine Zahl,
die doppelt gezählt wurde.
∣A∪B∣=∣A∣+∣B∣−∣A∩B∣
Jetzt für beliebige Mengen. Wir geben den drei Bereichen im Bild Namen: x ist die Anzahl
der Elemente in „nur A“, y die Anzahl in „in beiden“, z die Anzahl in „nur B“. Im
Beispiel ist x=2, y=1, z=2.
Aus dem Bild liest man ab:
| A besteht aus „nur A“ und „in beiden“ |
∣A∣=x+y |
| B besteht aus „in beiden“ und „nur B“ |
∣B∣=y+z |
| A∩B ist „in beiden“ |
∣A∩B∣=y |
| A∪B sind alle drei Bereiche |
∣A∪B∣=x+y+z |
Jetzt die rechte Seite der Regel einsetzen und Zeile für Zeile ausrechnen:
∣A∣+∣B∣−∣A∩B∣=(x+y)+(y+z)−y
=x+2y+z−y
=x+y+z=∣A∪B∣
Das y kommt beim Addieren zweimal vor. Einmal abziehen, dann zählt jedes Element genau
einmal. Im Beispiel: 2+1+2=5.
Sonderfall: Sind
A und
B disjunkt, haben sie also keine gemeinsamen
Elemente (
A∩B=∅,
∅ ist die leere Menge), dann ist
y=0. Der
Abzug fällt weg:
∣A∪B∣=∣A∣+∣B∣.
(i) (A∪B)c=Ac∩Bc und (A∩B)c=Ac∪Bc. Beide Male
ist links dieselbe Fläche gefärbt wie rechts.
(ii) ∣A∪B∣=∣A∣+∣B∣−∣A∩B∣, weil der Schnitt sonst doppelt zählt.
Der Weg in drei Punkten:
- Jede Seite einzeln einfärben, Klammern zuerst.
- Bereich für Bereich vergleichen, am besten in einer Tabelle.
- Gleiche Fläche heißt gleiche Menge.
Typischer Fehler: (A∪B)c mit
Ac∪Bc verwechseln.
Ac∪Bc enthält auch „nur A“ und „nur B“,
(A∪B)c nur den Bereich „in keinem“.
Ausblick: Dieselbe Idee trägt später die Additivitätsregel
P(A∪B)=P(A)+P(B)−P(A∩B).
P(A) steht für die Wahrscheinlichkeit von
A. Das kommt ab Aufgabe 5.
Dort werden statt Elementen Wahrscheinlichkeiten addiert.