Gegeben sind drei Vorschläge. Jeder Vorschlag ordnet den drei Ergebnissen 1, 2 und 3 je eine
Zahl zu. Die Aufgabe nennt diese Vorschläge „Funktionen". Hier heißen sie durchgehend
Vorschläge.
Gefragt ist nicht, welcher Vorschlag „sinnvoll" wirkt. Gefragt ist, welcher die
Definition einer Wahrscheinlichkeitsfunktion erfüllt. Die Definition steht im nächsten
Schritt. Danach prüft man jeden Vorschlag Punkt für Punkt.
Aus Aufgabe 1 („Ergebnisraum und Ereignisse“): Ω (gesprochen: Omega) ist der
Ergebnisraum, also die Menge aller möglichen Ergebnisse, hier
{1,2,3}. Ein einzelnes
Ergebnis als Menge, etwa
{2}, heißt Elementarereignis. Ein Ereignis ist eine Teilmenge von
Ω, zum Beispiel
{1,2}.
Merke: Eine Wahrscheinlichkeitsfunktion ist eine Zuordnung
P, die jedem Ereignis eine
Zahl gibt. Aber nicht jede Zuordnung von Zahlen ist erlaubt.
alle Werte
≥0 · Summe
=1
Die Definition aus der Vorlesung verlangt zwei Dinge:
| Nichtnegativität |
jedes Ereignis bekommt eine Zahl zwischen 0 und 1 |
| Normiertheit |
P(Ω)=1 |
Die Normiertheit hat einen einfachen Grund: Irgendein Ergebnis tritt immer ein. Das
Ereignis „1, 2 oder 3" ist also sicher und bekommt den Wert 1.
Gegeben sind aber nur drei Einzelwerte. Wie prüft man damit alle Ereignisse? Dafür gibt es
die Zerlegungsregel: Die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses ist die Summe der
Werte seiner einzelnen Ergebnisse. Zum Beispiel gilt P({1,2})=P({1})+P({2}).
Für Ω heißt das: P(Ω)=P({1})+P({2})+P({3}). Daraus werden zwei
Prüfpunkte für die Einzelwerte:
- Kein Einzelwert ist kleiner als 0.
- Die drei Einzelwerte ergeben zusammen genau 1.
Und die Grenze „höchstens 1"? Die muss man nicht extra prüfen. Sind alle Werte mindestens
0 und ist die Summe 1, dann kann kein Teil der Summe größer als 1 sein.
Merke: Beide Punkte müssen gelten. Einer allein reicht nicht. Genau darauf zielt
Vorschlag (ii).
0,5+0,3+0,2=1 ✓
Erster Punkt: Alle drei Werte sind größer als 0. ✓
Zweiter Punkt: 0,5+0,3=0,8 und 0,8+0,2=1,0. ✓
Beides ist erfüllt. Also ist (i) eine gültige Wahrscheinlichkeitsfunktion.
So liest man das Bild: Jeder Abschnitt im Balken ist so breit wie sein Wert. Die
gestrichelte Linie markiert den Wert 1. Hier endet der Balken genau an dieser Linie.
0,6+0,5+(−0,1)=1
Wer nur die Summe prüft, hält diesen Vorschlag für gültig. Hier kommt nämlich auch 1
heraus. Schritt für Schritt:
0,6+0,5=1,1
1,1+(−0,1)=1,1−0,1=1,0
Plus eine negative Zahl heißt: diese Zahl abziehen.
Im Balken sieht man das so: Die ersten beiden Abschnitte reichen zusammen bis 1,1, also
über die Linie hinaus. Der rot schraffierte Teil ist die −0,1. Er zieht das Ende von
1,1 zurück auf 1,0.
P({3})=−0,1<0
Der erste Prüfpunkt ist verletzt: −0,1 ist negativ.
Warum ist das verboten? Die relative Häufigkeit ist der Anteil der Versuche, in
denen ein Ergebnis eintritt. Beispiel: 30 Treffer bei 100 Würfen ergeben 0,3. Eine
Wahrscheinlichkeit ist der Anteil, den man bei sehr vielen Wiederholungen erwartet.
Tritt ein Ergebnis nie ein, ist der Anteil 0. Weniger als nie geht nicht. Deshalb ist kein
Wert unter 0 möglich.
Antwort: (ii) ist keine Wahrscheinlichkeitsfunktion, obwohl die Summe 1
ergibt.
31+31+31=1 ✓
Erster Punkt: Alle Werte sind größer als 0. ✓
Zweiter Punkt: Drei gleiche Brüche addiert man, indem man die Zähler addiert.
31+31+31=33=1. ✓
Also ist auch (iii) gültig. Im Balken sind die drei Abschnitte gleich breit.
P({ω})=∣Ω∣1=31
Hier kommt etwas hinzu: Alle Elementarereignisse haben denselben Wert.
Das nennt man einen Laplace-Raum: Der Ergebnisraum Ω ist endlich, und jedes
Ergebnis ist gleich wahrscheinlich.
In der Formel steht ω (gesprochen: klein Omega) für ein einzelnes Ergebnis. ω∈Ω heißt: ω liegt in Ω. ∣Ω∣ ist die Anzahl der Ergebnisse,
hier 3. Jedes Ergebnis bekommt also 31.
Aus Aufgabe 2 („Zwei Münzen gleichzeitig“): Dort lag auch ein Laplace-Raum vor.
Deshalb durfte man dort
P(A)=∣Ω∣∣A∣ rechnen, also „günstige durch
mögliche Ergebnisse".
Merke: Die Formel „günstige durch mögliche" gilt nur in einem Laplace-Raum. Sind
die Ergebnisse nicht gleich wahrscheinlich, wie in (i), muss man die Einzelwerte addieren.
(i) gültig · (ii) nicht gültig · (iii) gültig, sogar ein
Laplace-Raum.
Rückblick: Immer beide Punkte prüfen: kein Wert unter 0, Summe genau 1. Vorschlag
(ii) steht genau deshalb in der Aufgabe. Er besteht die Summenprobe und fällt trotzdem
durch.