Zwei faire Würfel fallen gleichzeitig. Notiert wird nicht die Summe, sondern die
größere der beiden Augenzahlen. Zeigen die Würfel 2 und 5, ist X=5. Zeigen
beide 4, ist X=4.
Gesucht sind drei Dinge: die möglichen Werte von X, die Wahrscheinlichkeiten dafür, und die
Antwort auf die Frage, ob alle Werte gleich wahrscheinlich sind.
Der Weg geht bewusst einen Umweg:
- (i) die möglichen Werte aufschreiben
- (ii) zuerst FX(k)=P(X≤k) bestimmen — das lässt sich leicht abzählen
- (ii) daraus P(X=k) als Sprunghöhe gewinnen
- (iii) die Definition der Gleichverteilung gegenprüfen
Die beiden Balken links zeigen FX(k) und P(X=k) — immer für das k, das die Tafel im
jeweiligen Schritt hervorhebt.
Merke: P(X=k) direkt abzuzählen ist mühsam.
P(X≤k) dagegen ist ein Quadrat im
Gitter. Deshalb rechnet man hier erst die
Verteilungsfunktion FX(k)=P(X≤k) —
die Wahrscheinlichkeit, höchstens
k zu erreichen — und leitet daraus die
Einzelwahrscheinlichkeiten
P(X=k) ab.
∣Ω∣=36 Wurfpaare
Zugrunde liegt der Wurf zweier Würfel. Ein Ergebnis ist ein Paar (W1,W2):
erster Würfel, zweiter Würfel. Davon gibt es 6⋅6=36, und weil beide Würfel fair
sind, hat jedes Paar die Wahrscheinlichkeit 361.
X=max(W1,W2) macht aus jedem Paar eine Zahl. Dabei geht Information verloren:
(2,5) und (5,2) liefern beide den Wert 5.
In der Tafel rechts steht in jedem Feld der Wert von X für dieses Wurfpaar.
Aus Blatt 2, Aufgabe 2 („Stochastische Unabhängigkeit“): Beim Wurf zweier Würfel
ist
Ω={1,…,6}2 ein Laplace-Raum mit 36 gleich wahrscheinlichen Paaren.
„Laplace“ heißt: alle Ergebnisse sind gleich wahrscheinlich, deshalb gilt
P(A)=36∣A∣.
Ω′={1,2,3,4,5,6}
Das Maximum zweier Augenzahlen ist selbst wieder eine Augenzahl. Kleiner als 1 kann es
nicht sein, größer als 6 auch nicht. Also kommen genau die Werte 1 bis 6 in Frage.
Dass jeder dieser Werte wirklich auftritt, zeigt der Wurf (k,k): dort ist das Maximum
k. Es fehlt also keiner der sechs Werte.
Zu den Namen: Gefragt ist der „Ereignisraum der Zufallsvariable“ — gemeint ist die
Menge der
Werte, die
X annehmen kann. In
Blatt 3, Aufgabe 1 („Von den
Einzelwahrscheinlichkeiten zur Verteilungsfunktion“) heißt diese Menge
Zielraum Ω′. Beide Namen meinen dasselbe; davon zu unterscheiden ist der
Ergebnisraum
Ω der 36 Wurfpaare.
{X≤k}={W1≤k}∩{W2≤k}
Die Schreibweise {X≤k} steht für ein Ereignis: die Menge
aller Wurfpaare, deren Maximum höchstens k ist. In der Tafel ist das eine Gruppe
von Feldern, keine Zahl.
Wann ist das Maximum höchstens k? Genau dann, wenn keiner der beiden Würfel
darüber liegt — also wenn beide höchstens k zeigen.
Ein Beispiel für k=4: Der Wurf (3,4) gehört dazu, denn max=4≤4. Der Wurf
(3,5) gehört nicht dazu, denn der zweite Würfel liegt über 4.
Als Mengengleichung: {X≤k}={W1≤k}∩{W2≤k}. Das Zeichen ∩
(„Durchschnitt“) heißt: beide Bedingungen gelten gleichzeitig.
Vorsicht: „Das Maximum ist höchstens
k“ heißt
beide Würfel, nicht
„mindestens einer“. Diese Verwechslung ist der häufigste Fehler in dieser Aufgabe.
FX(k)=36k2
Jetzt wird gezählt. Der erste Würfel darf k Werte zeigen (1 bis k), der zweite
ebenso k Werte. Jede Kombination ist erlaubt, also gibt es k⋅k=k2 solche
Würfe.
In der Tafel rechts ist das ein Quadrat in der linken oberen Ecke, mit k Zeilen
und k Spalten. Gezeigt ist gerade der Fall k=4: vier Zeilen mal vier Spalten, also
4⋅4=16 der 36 Felder — damit FX(4)=3616.
Weil alle 36 Würfe gleich wahrscheinlich sind, gilt die Laplace-Formel:
FX(k)=P(X≤k)=alle Wu¨rfegu¨nstige Wu¨rfe=36k2
Aus Blatt 3, Aufgabe 1 („Von den Einzelwahrscheinlichkeiten zur
Verteilungsfunktion“):
FX heißt
Verteilungsfunktion von
X.
FX(k)=P(X≤k) ist die
Wahrscheinlichkeit, dass
X höchstens
k ist — hier also, dass das Maximum der beiden
Würfel nicht über
k liegt. Weil dabei aufsummiert wird, wächst
FX und endet bei
1.
6k⋅6k=36k2
Wer nicht abzählen will, kommt über die Unabhängigkeit zum selben Ergebnis. Zwei
Ereignisse A und B heißen stochastisch unabhängig, wenn das Eintreten von A
die Wahrscheinlichkeit von B nicht verändert. Dann gilt die Produktregel
P(A∩B)=P(A)⋅P(B)
Hier ist A={W1≤k} und B={W2≤k}: Der erste Würfel weiß nichts vom
zweiten. Also wird multipliziert:
- P(W1≤k)=6k — k von 6 Augenzahlen sind erlaubt
- P(W2≤k)=6k — dasselbe für den zweiten Würfel
P(W1≤k∩W2≤k)=6k⋅6k=36k2
Beide Wege führen auf dieselbe Formel. Das ist kein Zufall: Abzählen im Laplace-Raum und
Multiplizieren unabhängiger Wahrscheinlichkeiten sind hier zwei Beschreibungen derselben
Rechnung.
Aus Blatt 2, Aufgabe 2 („Stochastische Unabhängigkeit“): Unabhängigkeit prüft man
mit der Produktgleichung
P(A∩B)=P(A)⋅P(B). Bei zwei getrennt geworfenen
Würfeln ist sie erfüllt — deshalb darf hier multipliziert werden.
1,4,9,16,25,36 — jeweils durch
36
Jetzt nur noch k=1 bis 6 in 36k2 einsetzen. Die Zähler sind die
Quadratzahlen:
- FX(1)=361≈0,0278
- FX(2)=364≈0,1111
- FX(3)=369=0,2500
- FX(4)=3616≈0,4444
- FX(5)=3625≈0,6944
- FX(6)=3636=1,0000
Die Dezimalzahlen sind auf vier Stellen gerundet; die Brüche sind exakt.
Probe: FX(6)=1. Das muss so sein — das Maximum ist immer höchstens 6, dieses
Ereignis ist sicher.
P(X=k)=FX(k)−FX(k−1)
FX(k) sammelt alle Würfe mit Maximum 1 bis k. FX(k−1) sammelt alle mit Maximum
1 bis k−1. Zieht man das eine vom anderen ab, bleibt genau der Fall „Maximum ist k“
übrig.
P(X=k)=FX(k)−FX(k−1)=36k2−36(k−1)2=36k2−(k−1)2
Zwei Brüche mit demselben Nenner werden abgezogen, indem man nur die Zähler abzieht — der
Nenner 36 bleibt stehen.
Für k=1 wird FX(0) gebraucht. Das Maximum zweier Augenzahlen ist immer mindestens
1, also ist FX(0)=P(X≤0)=0 — passend zur Formel, denn 3602=0. Damit ist P(X=1)=361−0=361.
Aus Blatt 3, Aufgabe 1 („Von den Einzelwahrscheinlichkeiten zur
Verteilungsfunktion“):
Bei einer ganzzahligen Zufallsvariable ist
P(X=k) die
Sprunghöhe von
FX an der
Stelle
k, also die Differenz zweier benachbarter Werte.
k2−(k−1)2=2k−1
Der Zähler lässt sich vereinfachen. Erst die Klammer auflösen — die binomische Formel
(a−b)2=a2−2ab+b2 mit a=k und b=1:
(k−1)2=k2−2k+1
Dann einsetzen. Achtung auf das Minus vor der Klammer: es dreht jedes Vorzeichen darin um.
k2−(k2−2k+1)=k2−k2+2k−1=2k−1
Also P(X=k)=362k−1 — eine Formel ohne Quadrate. Die Tafel zeigt dazu den
Fall k=4: 2⋅4−1=7 Felder.
1,3,5,7,9,11 — jeweils durch
36
2k−1 für k=1 bis 6 ergibt die ungeraden Zahlen:
- P(X=1)=361≈0,0278
- P(X=2)=363≈0,0833
- P(X=3)=365≈0,1389
- P(X=4)=367≈0,1944
- P(X=5)=369=0,2500
- P(X=6)=3611≈0,3056
Probe: 1+3+5+7+9+11=36, also summieren sich die sechs Wahrscheinlichkeiten zu
3636=1.
Die Werte wachsen. Ein großes Maximum ist wahrscheinlicher als ein kleines — dazu
muss ja nur ein Würfel hoch fallen.
k+k−1=2k−1
Die Formel lässt sich in der Tafel direkt sehen. Die Felder mit X=k sind das k×k-Quadrat ohne das (k−1)×(k−1)-Quadrat: ein rechtwinkliger Winkel aus
letzter Zeile und letzter Spalte.
- Spalte k innerhalb des Quadrats: k Felder
- Zeile k innerhalb des Quadrats: k Felder
- das Eckfeld (k,k) steckt in beiden — einmal abziehen
k+k−1=2k−1 — dieselbe Zahl wie aus der Rechnung.
Aus Blatt 1, Aufgabe 6 („Rechenregeln am Würfel“): Beim Zusammenzählen zweier
überlappender Mengen wird der gemeinsame Teil einmal zu viel gezählt und muss abgezogen
werden:
∣A∪B∣=∣A∣+∣B∣−∣A∩B∣.
361=3611
Diskret gleichverteilt heißt: endlich viele Werte, und jeder hat dieselbe
Wahrscheinlichkeit. Bei sechs Werten wäre das jeweils 61=366.
Zum Widerlegen genügen zwei Werte:
P(X=1)=361 und P(X=6)=3611
Antwort: nein, X ist nicht gleichverteilt.
Der Grund ist anschaulich: Für das Maximum 6 reicht es, dass einer der Würfel
eine 6 zeigt — das trifft auf 11 Würfe zu. Für das Maximum 1 müssen beide eine
1 zeigen, und das ist nur der Wurf (1,1).
Vorsicht: Die beiden Würfel sind gleichverteilt, das Maximum ist es nicht.
Rechnet man mit einer Zufallsvariable, muss ihre Verteilung neu bestimmt werden — sie erbt
die Gleichverteilung nicht.
(i) Ω′={1,…,6} · (ii) FX(k)=36k2 und P(X=k)=362k−1 · (iii) nicht gleichverteilt
| k |
FX(k) |
P(X=k) |
| 1 |
1/36 |
1/36 |
| 2 |
4/36 |
3/36 |
| 3 |
9/36 |
5/36 |
| 4 |
16/36 |
7/36 |
| 5 |
25/36 |
9/36 |
| 6 |
36/36 |
11/36 |
Rückblick: Der Umweg über
FX war der kurze Weg.
{X≤k} ist ein Quadrat und
damit leicht zu zählen;
{X=k} ist ein Winkel und wäre mühsam. Die Sprunghöhen-Regel
holt daraus die Einzelwahrscheinlichkeiten, ohne dass man den Winkel je zählen muss.