Gezählt wird, wie oft das System an einem Betriebstag ausfällt. Diese Anzahl heißt X.
Bekannt ist nur eine Zahl: An 90,5 % der Tage passiert nichts, also P(X=0)=0,905.
Die Aufgabe sagt, dass X Poissonverteilt ist. Diese Verteilung hat genau einen
Parameter, λ (kleines Lambda). Gegeben ist er nicht — er muss erst aus den 90,5 %
gewonnen werden. Das ist Teil (i).
Der Weg:
- die Poissonformel aufschreiben
- (i) k=0 einsetzen, die Gleichung nach λ auflösen
- (ii a) mit dem gefundenen λ vorwärts rechnen
- (ii b) über das Gegenereignis, ganz ohne Formel
Die drei Balken links behalten dabei jeweils ihre Bedeutung: oben der Parameter λ,
darunter die beiden gesuchten Wahrscheinlichkeiten.
Zur Musterlösung: Ihre R-Ausgaben weichen in den letzten Stellen ab. Schritt 9 rechnet
das nach und zeigt die Probe; auf vier Stellen sind beide Fassungen gleich.
Merke: Solche Aufgaben laufen fast immer über
k=0. Dort wird die Poissonformel
besonders einfach, weil
λ0=1 und
0!=1 ist — es bleibt nur
e−λ
stehen.
Ω′={0,1,2,3,…}
Der Zielraum Ω′ (gesprochen „Omega Strich“) ist die Menge aller Zahlen, die
X annehmen kann — hier also die möglichen Ausfallzahlen eines Tages.
Wie viele Ausfälle kann ein Tag höchstens haben? Eine natürliche Obergrenze gibt es nicht:
zwei sind möglich, fünf auch, theoretisch zwanzig.
Deshalb ist der Zielraum unendlich: {0,1,2,3,…}. Genau für solche Zählungen
ist die Poissonverteilung gemacht — für
seltene Ereignisse in einem festen Zeitraum, deren Zahl nach oben offen ist.
Aus Blatt 3, Aufgabe 1 („Von den Einzelwahrscheinlichkeiten zur
Verteilungsfunktion“):
Ω enthält die Ergebnisse des Zufallsversuchs,
Ω′ die Zahlenwerte der
Zufallsvariable. Eine Zufallsvariable ist die Abbildung
X:Ω→Ω′.
Unterschied zur Binomialverteilung (Blatt 3, Aufgabe 4 „Binomialverteilung: genau,
mindestens, mehr als“):
Dort gab es eine feste Zahl von Versuchen, hier nicht. Bei
B(12;0,2) endete der
Zielraum bei
12; bei der Poissonverteilung endet er nie.
P(X=k)=k!λke−λ
Die Formel hat vier Zeichen, die erklärt sein müssen:
-
k — die Anzahl, nach der gefragt wird: die Zahl der Ausfälle an einem Tag. Für „kein
Ausfall“ ist k=0, für „genau zwei“ ist k=2. Gelesen wird P(X=k) als „die
Wahrscheinlichkeit, dass an einem Tag genau k Ausfälle auftreten“.
-
λ — der einzige Parameter. Er ist der Mittelwert: die Zahl der Ausfälle,
die pro Tag im Durchschnitt zu erwarten ist. λ ist keine Wahrscheinlichkeit und
darf auch größer als 1 sein.
-
k! — „k Fakultät“, das Produkt 1⋅2⋅…⋅k. Festgelegt ist 0!=1.
-
e — die Eulersche Zahl, ungefähr 2,71828. e−λ heißt
eλ1 und ist immer eine Zahl zwischen 0 und 1.
Geschrieben wird das als X∼Poi(λ), gelesen „X ist Poissonverteilt
mit Parameter λ“.
Praktisch: Ein einziger Zahlenwert legt die ganze Verteilung fest. Deshalb genügt
auch eine einzige bekannte Wahrscheinlichkeit, um ihn zu bestimmen.
e−λ=0,905
Bekannt ist der Fall „kein Ausfall“, also k=0. Den setzen wir in die Formel ein:
P(X=0)=0!λ0e−λ
Jetzt vereinfachen. Es gilt λ0=1 — jede Zahl hoch null ist eins. Und 0!=1
ist so festgelegt. Der Bruch ist also 11=1:
P(X=0)=e−λ
Weil P(X=0)=0,905 gegeben ist, steht damit eine Gleichung mit genau einer
Unbekannten da:
e−λ=0,905
Das ist der Trick der Aufgabe: Bei
k=0 verschwindet alles außer
e−λ.
Deshalb ist „kein Ereignis“ immer der bequemste Einstieg in eine Poissonverteilung.
λ=−ln(0,905)
Gesucht ist λ, aber es steht im Exponenten. Da hilft der
natürliche Logarithmus ln: Er ist die Umkehrung von e und holt den Exponenten
herunter. Es gilt ln(ea)=a.
Also auf beiden Seiten ln anwenden — das ist erlaubt, weil beide Seiten positiv sind:
ln(e−λ)=ln(0,905)
Links bleibt nur der Exponent stehen:
−λ=ln(0,905)
Zum Schluss beide Seiten mit −1 multiplizieren:
λ=−ln(0,905)
λ=0,0998
Den Zahlenwert liefert der Taschenrechner über die Taste ln: ln(0,905)=−0,09982034. Der Logarithmus einer Zahl unter 1 ist immer negativ — das
Minuszeichen vor dem ln macht λ wieder positiv:
λ=−(−0,09982034)=0,09982034≈0,0998
Probe: Rückwärts eingesetzt muss die gegebene Zahl herauskommen: e−0,09982034=0,905. Passt.
Deutung: λ ist der Mittelwert, und zwar eine Rate: 0,0998
Ausfälle pro Tag. In zehn Tagen sind damit 10⋅0,0998≈1 Ausfall zu
erwarten — daher „etwa ein Ausfall alle zehn Tage“.
Angegeben wird λ≈0,0998, gerechnet wird mit 0,09982034. Wer
schon hier auf vier Stellen rundet, verschiebt die letzte Stelle des Ergebnisses. Auf die
vier Stellen, in denen die Antwort steht, ändert das nichts.
Größenordnung prüfen: λ muss klein sein, weil fast alle Tage ohne Ausfall
bleiben. Käme etwas wie
2 heraus, wäre irgendwo ein Vorzeichen verrutscht.
P(X=2)=2λ2e−λ
Jetzt geht es vorwärts: λ ist bekannt, gefragt ist P(X=2).
In die Poissonformel k=2 einsetzen. Dabei ist 2!=1⋅2=2:
P(X=2)=2!λ2e−λ=20,099820342⋅0,905
Für e−λ muss nichts neu gerechnet werden: dieser Wert ist die gegebene
Zahl 0,905 — genau die Gleichung aus Schritt 3.
P(X=2)=0,0045
Drei Rechenschritte, einzeln:
- 0,099820342=0,00996410
- 20,00996410=0,00498205
- 0,00498205⋅0,905=0,00450876
Gerundet: P(X=2)≈0,0045, also rund 0,45 % der Tage. Das ist
etwa ein Tag von 222.
Plausibilität: Zur Einordnung der Fall k=1. Dort ist 1!λ1=λ, weil 1!=1 ist:
P(X=1)=λe−λ=0,09982034⋅0,905=0,0903374≈0,0903
Zwei Ausfälle am selben Tag sind also rund 20-mal seltener als einer. Bei so
seltenen Ereignissen fällt jede weitere Häufung stark ab.
Ergänzung — über die Aufgabe hinaus, aber sie erklärt die vierte Säule in der
Grafik: mit 3!=6 ist P(X=3)=60,099820343⋅0,905=60,00099462⋅0,905=0,00015≈0,0002.
P(X≥1)=1−0,905=0,095
„Mindestens ein Ausfall“ heißt X≥1, also {1,2,3,…} — unendlich viele Fälle.
Alle einzeln zu addieren ist unmöglich.
Das Gegenereignis besteht dagegen aus einem einzigen Fall: „kein Ausfall“, X=0.
Geschrieben wird ein Gegenereignis mit einem kleinen hochgestellten c (für
„Komplement“): {X=0}c ist alles außer „kein Ausfall“.
Dass man von 1 abziehen darf, ist der Komplementsatz:
P(X≥1)=1−P(X=0)=1−0,905=0,095
An rund 9,5 % der Betriebstage fällt das System mindestens einmal aus — etwa an
einem Tag von elf.
Das sieht neben „ein Ausfall alle zehn Tage“ wie ein Widerspruch aus, ist aber keiner:
Tage mit Ausfall sind etwas seltener als Ausfälle selbst, weil an manchen dieser
Tage gleich zwei Ausfälle passieren und der Tag trotzdem nur einmal zählt.
Aus Blatt 1, Aufgabe 6 („Rechenregeln am Würfel“): Der Komplementsatz
P(Ac)=1−P(A) gilt immer. Entweder tritt
A ein oder nicht — zusammen ergibt das die
Wahrscheinlichkeit 1.
Merke: Für diese Teilaufgabe war
λ gar nicht nötig. Bei „mindestens eins“
genügt immer
P(X≥1)=1−P(X=0) — und
P(X=0) ist hier die gegebene Zahl.
log und dpois
Diese Ergänzung geht über die Aufgabe hinaus. Sie zeigt, mit welchen Befehlen man
dieselbe Aufgabe in R nachrechnet. R ist eine kostenlose Statistik-Software; die
Musterlösung rechnet damit.
-
log(x) ist in R der natürliche Logarithmus ln, nicht
der Zehnerlogarithmus.
-
dpois(k, lambda = …) gibt P(X=k) der Poissonverteilung —
dasselbe wie die Formel in Schritt 6.
- Die Zeilen mit
#[1] sind die Antworten, die R ausgibt.
Die Ausgaben im Block rechts sind die nachgerechneten Werte. Die Musterlösung
druckt dort andere Zahlen — dazu der Kasten.
Zu den letzten Stellen: Die Musterlösung gibt
λ=0,09979414 und
P(X=2)=0,004505 an. Nachgerechnet ist
−ln(0,905)=0,09982034 — die Probe
e−0,09982034=0,905 geht auf,
e−0,09979414=0,9050237 dagegen nicht.
Damit ist
P(X=2)=0,0045088. Auf die vier Stellen, in denen ein solches Ergebnis
angegeben wird, stimmen beide Fassungen überein:
λ≈0,0998 und
P(X=2)≈0,0045.
| Frage |
Weg |
Wert |
| (i) λ |
−ln(0,905) |
0,0998 |
| (ii a) P(X=2) |
Poissonformel, k=2 |
0,0045 |
| (ii b) P(X≥1) |
1−P(X=0) |
0,0950 |
In Worten: Im Mittel ein Ausfall alle zehn Tage. An 9,5 % der Tage passiert mindestens
etwas, an 0,45 % der Tage gleich zweimal.
Rückblick: Erst rückwärts, dann vorwärts. Rückwärts ging es über
k=0, weil die
Formel dort auf
e−λ zusammenschrumpft und ein Logarithmus
λ freistellt.
Vorwärts war es bloßes Einsetzen. Und Teil (ii b) brauchte überhaupt keine Formel — nur das
Gegenereignis.