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ESTO · Übungsblatt 6 · Aufgabe 4

Gauß-Test: sind die Dachbalken zu kurz?

Dachbalken sollen 750 cm lang sein. 40 gemessene Balken sind im Mittel 749 cm lang. Ist das nur Zufall, oder schneidet die Säge wirklich zu kurz? Die Antwort gibt ein statistischer Test: zwei Hypothesen aufstellen, eine Teststatistik ZZ (auch Prüfgröße genannt) ausrechnen und mit einer Grenze vergleichen. In Aufgabe 3 wurde schon einmal entschieden, dort über das Konfidenzintervall. Hier wird zum ersten Mal ein Test Schritt für Schritt durchgerechnet; jeder Baustein wird von Grund auf erklärt. Rechts steht der ganze Lösungsweg, links die Erklärung zum aktuellen Schritt. Mit Weiter geht es Schritt für Schritt voran. Ein Klick auf einen Schritt springt direkt dorthin.

Schritt 0 Die Aufgabe

Einem Sägewerksinhaber wird unterstellt, die zugeschnittenen Dachbalken würden im Mittel kleiner sein als die Solllänge von 750 cm. Von der zum Zuschneiden eingesetzten Maschine ist bekannt, dass ihre Standardabweichung σ=0,6\sigma = 0{,}6 cm beträgt. 40 Balken wurden zufällig entnommen und gemessen. Die durchschnittliche Länge dieser Balken betrug 749 cm. Kann man zum Niveau α=1 %\alpha = 1\,\% die Unterstellung nachweisen?

Angabe Zeichen Wert
Solllänge μ0\mu_0 750 cm
Standardabweichung der Säge (bekannt) σ\sigma 0,6 cm
Anzahl gemessener Balken nn 40
durchschnittliche Länge der 40 Balken xˉ40\bar x_{40} 749 cm
Signifikanzniveau α\alpha 1 % = 0,01
gesucht: Ist „im Mittel kürzer als 750 cm“ nachweisbar? ja / nein
Hinweis zur Musterlösung: Sie kommt auf dieselben Zahlen wie dieses Artefakt: Z≈−10,541Z \approx -10{,}541, kritischer Wert −2,3263-2{,}3263, H0H_0 wird verworfen. Ergänzt sind hier die Begründungen jedes Bausteins und zwei Zusatzrechnungen (Grenze in cm, p-Wert).

(a) Die Frage als Test

Hypothesen, Fehler, Signifikanzniveau, Wahl des Tests

Schritt 1 Die Zahlen der Aufgabe

Die Stichprobe: XiX_i = Länge des ii-ten gemessenen Balkens in cm
X1,…,X40unabha¨ngig und identisch verteilt,n=40X_1, \dots, X_{40} \quad \text{unabhängig und identisch verteilt}, \qquad n = 40
Gemessen und bekannt
xˉ40=749 cm,σ=0,6 cm\bar x_{40} = 749 \text{ cm}, \qquad \sigma = 0{,}6 \text{ cm}
Unbekannt: die mittlere Länge aller Balken der Säge; fest vorgegeben: die Solllänge
μ=  ?,μ0=750 cm\mu = \;?, \qquad \mu_0 = 750 \text{ cm}

Schritt 2 749 ist kleiner als 750 — reicht das?

Die Abweichung vom Soll
xˉ40−μ0=749−750=−1 cm\bar x_{40} - \mu_0 = 749 - 750 = -1 \text{ cm}
Zwei mögliche Erklärungen
Zufall: μ≥750oderechter Fehler: μ<750\text{Zufall: } \mu \ge 750 \qquad \text{oder} \qquad \text{echter Fehler: } \mu < 750

Schritt 3 Zwei Hypothesen: H0H_0 und HAH_A

Nullhypothese gegen Alternative — zusammen decken sie jeden Wert von μ\mu ab
H0:μ≥750gegenHA:μ<750H_0: \mu \ge 750 \qquad \text{gegen} \qquad H_A: \mu < 750
Nur die Richtung „kürzer“ zählt: einseitiger, genauer linksseitiger Test
HA liegt links von 750H_A \text{ liegt links von } 750

Schritt 4 Die Vermutung gehört in HAH_A

Ausgang des Tests Was man danach weiß
H0H_0 verwerfen HAH_A ist gezeigt; stimmt H0H_0, verwirft der Test in höchstens α\alpha der Fälle (Schritt 6)
H0H_0 nicht verwerfen nichts Sicheres — die Daten reichen nicht
Deshalb: der Vorwurf in die Alternative
Unterstellung nachweisen  ⟺  H0 verwerfen\text{Unterstellung nachweisen} \iff H_0 \text{ verwerfen}

Schritt 5 Zwei mögliche Fehler

in Wahrheit Test verwirft H0H_0 nicht Test verwirft H0H_0
H0H_0 stimmt (μ≥750\mu \ge 750) richtig Fehler 1. Art: Inhaber zu Unrecht beschuldigt
HAH_A stimmt (μ<750\mu < 750) Fehler 2. Art: zu kurze Balken übersehen richtig

Schritt 6 Das Signifikanzniveau α = 1 %

Das Signifikanzniveau α\alpha begrenzt den Fehler 1. Art
P(Fehler 1. Art)≤αP(\text{Fehler 1. Art}) \le \alpha
Vorgabe der Aufgabe, festgelegt vor dem Blick auf die Daten
α=1 %=0,01\alpha = 1\,\% = 0{,}01

Schritt 7 Welcher Test? σ ist bekannt: Gauß-Test

Fall Standardabweichung σ\sigma Test
1 bekannt Gauß-Test
2 unbekannt, aus den Daten geschätzt t-Test (Aufgaben 5 und 6)
Voraussetzung: der Mittelwert ist normalverteilt — nach dem zentralen Grenzwertsatz näherungsweise, weil
n=40≥30n = 40 \ge 30

(b) Rechnen und entscheiden

Teststatistik, kritischer Wert, Vergleich; dazu zwei Ergänzungen

Schritt 8 Wie stark der Mittelwert schwankt

Verteilung des Mittelwerts (aus Aufgabe 1); hier nach Schritt 7 näherungsweise
Xˉn∼N ⁣(μ, σ2n),Standardabweichung σn\bar X_n \sim N\!\left(\mu,\ \frac{\sigma^2}{n}\right), \qquad \text{Standardabweichung } \frac{\sigma}{\sqrt{n}}
Mit σ=0,6\sigma = 0{,}6 und n=40n = 40, auf vier Nachkommastellen
40≈6,3246\sqrt{40} \approx 6{,}3246
σ40=0,66,3246≈0,0949 cm\frac{\sigma}{\sqrt{40}} = \frac{0{,}6}{6{,}3246} \approx 0{,}0949 \text{ cm}
0.6 / sqrt(40)
#[1] 0.09486833
Wenn μ=750\mu = 750: Bereich für xˉ40\bar x_{40} nach der dritten σ-Regel (rund 99,6 %)
750±3⋅0,0949=750±0,2847:749,72 cm bis 750,28 cm750 \pm 3 \cdot 0{,}0949 = 750 \pm 0{,}2847: \quad 749{,}72 \text{ cm bis } 750{,}28 \text{ cm}

Schritt 9 Die Teststatistik Z

Teststatistik des Gauß-Tests (Skript)
Z=n⋅xˉn−μ0σZ = \sqrt{n}\cdot\frac{\bar x_n - \mu_0}{\sigma}
Umformen: mal n\sqrt{n} ist dasselbe wie geteilt durch 1n\frac{1}{\sqrt{n}}
Z=xˉn−μ0σ⋅n=xˉn−μ0σ:1nZ = \frac{\bar x_n - \mu_0}{\sigma} \cdot \sqrt{n} = \frac{\bar x_n - \mu_0}{\sigma} : \frac{1}{\sqrt{n}}
=xˉn−μ0σ⋅1n=xˉn−μ0σ/n= \frac{\bar x_n - \mu_0}{\sigma \cdot \frac{1}{\sqrt{n}}} = \frac{\bar x_n - \mu_0}{\sigma/\sqrt{n}}
In Worten
Z=Abstand des Mittelwerts vom SollStandardabweichung des MittelwertsZ = \frac{\text{Abstand des Mittelwerts vom Soll}}{\text{Standardabweichung des Mittelwerts}}

Schritt 10 Z mit den Zahlen der Aufgabe

Einsetzen: n=40n = 40, xˉ40=749\bar x_{40} = 749, μ0=750\mu_0 = 750, σ=0,6\sigma = 0{,}6
Z=40⋅749−7500,6Z = \sqrt{40}\cdot\frac{749 - 750}{0{,}6}
=6,3246⋅−10,6=−6,32460,6≈−10,541= 6{,}3246 \cdot \frac{-1}{0{,}6} = -\frac{6{,}3246}{0{,}6} \approx -10{,}541
sqrt(40) * (749 - 750) / 0.6
#[1] -10.54093
Auf zwei Nachkommastellen; Probe mit σ/40\sigma/\sqrt{40} aus Schritt 8
Z≈−10,54,−10,0949≈−10,54✓Z \approx -10{,}54, \qquad \frac{-1}{0{,}0949} \approx -10{,}54 \quad \checkmark

Schritt 11 Wie Z verteilt ist, wenn μ = 750

Am Rand von H0H_0, also bei μ=750\mu = 750 (näherungsweise, Schritt 7)
Xˉ40∼N ⁣(750, 0,6240)\bar X_{40} \sim N\!\left(750,\ \frac{0{,}6^2}{40}\right)
Standardisieren: Mitte abziehen, durch die Standardabweichung teilen
Z=Xˉ40−750σ/40∼N(0, 1)Z = \frac{\bar X_{40} - 750}{\sigma/\sqrt{40}} \sim N(0,\,1)

Schritt 12 Der Ablehnbereich liegt links

Kleine (stark negative) Werte von ZZ sprechen für HA:μ<750H_A: \mu < 750
H0 verwerfen, falls Z<cH_0 \text{ verwerfen, falls } Z < c
cc so wählen, dass bei μ=750\mu = 750 nur mit Wahrscheinlichkeit α\alpha verworfen wird
P(Z<c)=α=0,01P(Z < c) = \alpha = 0{,}01

Schritt 13 Der kritische Wert: −2,3263

cc ist das 1-%-Quantil von N(0,1)N(0,1); wegen der Symmetrie ist es das gespiegelte 99-%-Quantil
c=q0,01=−q0,99=−q1−αc = q_{0{,}01} = -q_{0{,}99} = -q_{1-\alpha}
qnorm(0.99)
#[1] 2.326348
qnorm(0.01)
#[1] -2.326348
Auf vier Nachkommastellen gerundet — die Entscheidungsregel
c=−q0,99≈−2,3263:H0 verwerfen, falls Z<−2,3263c = -q_{0{,}99} \approx -2{,}3263: \qquad H_0 \text{ verwerfen, falls } Z < -2{,}3263

Schritt 14 Warum der Rand μ = 750 genügt

Wäre μ=750,1\mu = 750{,}1: der Mittelwert im Schnitt 0,1 cm höher, in Einheiten von σ/40\sigma/\sqrt{40}
0,10,0949≈1,05\frac{0{,}1}{0{,}0949} \approx 1{,}05
Bei μ=750,1\mu = 750{,}1 ist ZZ (näherungsweise) N(1,05; 1)N(1{,}05;\,1)-verteilt; zurückschieben: Z−1,0541∼N(0,1)Z - 1{,}0541 \sim N(0,1)
Z<−2,3263  ⟺  Z−1,0541<−2,3263−1,0541=−3,3804Z < -2{,}3263 \iff Z - 1{,}0541 < -2{,}3263 - 1{,}0541 = -3{,}3804
Fläche unter N(0,1)N(0,1) links von −3,3804-3{,}3804 — bei μ=750,1\mu = 750{,}1 ist das die Wahrscheinlichkeit für einen Fehler 1. Art
P(Z<−2,3263 bei μ=750,1)≈0,00036≈0,04 %<1 %P\big(Z < -2{,}3263 \ \text{bei}\ \mu = 750{,}1\big) \approx 0{,}00036 \approx 0{,}04\,\% \quad < \quad 1\,\%
pnorm(-2.326348 - 0.1 / (0.6 / sqrt(40)))
#[1] 0.0003618486
Je größer μ\mu, desto kleiner die Gefahr — am größten am Rand
μ=750: 1 %μ=750,1: 0,04 %μ noch gro¨ßer: noch weniger\mu = 750: \ 1\,\% \qquad \mu = 750{,}1: \ 0{,}04\,\% \qquad \mu \text{ noch größer: noch weniger}

Schritt 15 Vergleich: Z liegt im Ablehnbereich

Teststatistik (Schritt 10) gegen kritischen Wert (Schritt 13)
Z≈−10,54<−2,3263Z \approx -10{,}54 \quad < \quad -2{,}3263
Nicht knapp: so oft passt die Grenze in den Abstand von 0
10,54:2,3263≈4,510{,}54 : 2{,}3263 \approx 4{,}5

Schritt 16 Entscheidung und Antwort

Entscheidung
Z<−q0,99⟹H0 verwerfen⟹HA:μ<750 gezeigtZ < -q_{0{,}99} \quad \Longrightarrow \quad H_0 \text{ verwerfen} \quad \Longrightarrow \quad H_A: \mu < 750 \text{ gezeigt}

Antwortsatz: Ja. Zum Niveau α=1 %\alpha = 1\,\% kann man nachweisen, dass die Dachbalken im Mittel kürzer sind als die Solllänge von 750 cm.

Schritt 17 Ergänzung: die Grenze in Zentimetern

Ergänzung — für die Antwort nicht nötig. Sie rechnet die Regel Z<−2,3263Z < -2{,}3263 in Zentimeter um.

Die Regel mit der Formel für ZZ
xˉ40−7500,0949<−2,3263∣⋅0,0949 (positiv, < bleibt)\frac{\bar x_{40} - 750}{0{,}0949} < -2{,}3263 \quad \big| \cdot 0{,}0949 \ (\text{positiv, } < \text{ bleibt})
xˉ40−750<−2,3263⋅0,0949≈−0,2208∣+750\bar x_{40} - 750 < -2{,}3263 \cdot 0{,}0949 \approx -0{,}2208 \quad \big| + 750
xˉ40<749,7792\bar x_{40} < 749{,}7792
750 - qnorm(0.99) * 0.6 / sqrt(40)
#[1] 749.7793
Gerundet; die gemessenen 749 cm liegen darunter
H0 verwerfen, falls xˉ40<749,78 cm;749<749,78✓H_0 \text{ verwerfen, falls } \bar x_{40} < 749{,}78 \text{ cm}; \qquad 749 < 749{,}78 \quad \checkmark

Schritt 18 Ergänzung: der p-Wert

Ergänzung — ein zweiter Weg zur selben Entscheidung.

p-Wert: Fläche unter N(0,1)N(0,1) links vom beobachteten ZZ
p=P(Z≤−10,54)p = P(Z \le -10{,}54)
Z <- sqrt(40) * (749 - 750) / 0.6
pnorm(Z)
#[1] 2.797279e-26
e-26 heißt „mal 10−2610^{-26}“; Vergleich mit α\alpha
p≈2,8⋅10−26≤0,01=α⟹H0 verwerfenp \approx 2{,}8 \cdot 10^{-26} \le 0{,}01 = \alpha \quad \Longrightarrow \quad H_0 \text{ verwerfen}

Schritt 19 Ergebnis

✓Hypothesen: H0:μ≥750H_0: \mu \ge 750 gegen HA:μ<750H_A: \mu < 750 — der Vorwurf steht in HAH_A
✓Gauß-Test, weil σ=0,6\sigma = 0{,}6 cm bekannt ist: Z=40⋅749−7500,6≈−10,54Z = \sqrt{40}\cdot\frac{749 - 750}{0{,}6} \approx \mathbf{-10{,}54}
✓kritischer Wert −q0,99≈−2,3263-q_{0{,}99} \approx \mathbf{-2{,}3263}; Z<−2,3263Z < -2{,}3263, also H0H_0 verwerfen
✓Antwort: Ja — zum Niveau 1 % ist nachgewiesen, dass die Dachbalken im Mittel kürzer als 750 cm sind

Proben: ZZ auf zwei Wegen: 40⋅(−1)/0,6\sqrt{40}\cdot(-1)/0{,}6 und −1/0,0949-1/0{,}0949, beide ≈−10,54\approx -10{,}54. In Zentimetern: 749<749,78749 < 749{,}78. p-Wert: 2,8⋅10−26≤0,012{,}8 \cdot 10^{-26} \le 0{,}01. Alle drei Wege geben dieselbe Entscheidung.

Typische Fehler: Den Vorwurf in H0H_0 schreiben — dann prüft der Test die falsche Frage. Durch σ\sigma statt durch σ/n\sigma/\sqrt{n} teilen: −1/0,6≈−1,67>−2,3263-1/0{,}6 \approx -1{,}67 > -2{,}3263, man würde fälschlich nicht verwerfen. Beim einseitigen Test q0,995≈2,5758q_{0{,}995} \approx 2{,}5758 statt q0,99q_{0{,}99} nehmen. „H0H_0 nicht verwerfen“ als Beweis für H0H_0 lesen. α\alpha erst nach dem Blick auf die Daten wählen.