Wilcoxon-Test: welche Zeitschrift wird öfter zitiert?
Sechs Artikel aus Zeitschrift A und sechs aus Zeitschrift B: Werden Artikel aus A häufiger
zitiert? Ein einzelner sehr großer Wert macht den t-Test ungültig. Der Ausweg ist der
Wilcoxon-Rangsummentest: Er ersetzt die Werte durch ihre Ränge, also ihre Plätze
in der sortierten Reihe. Aus den Rängen entsteht die Teststatistik W, und der p-Wert lässt
sich hier sogar exakt von Hand abzählen. Rechts steht der ganze Lösungsweg, links die Erklärung
zum aktuellen Schritt. Mit Weiter geht es Schritt für Schritt voran. Ein Klick auf einen
Schritt springt direkt dorthin.
Schritt 0Die Aufgabe
Für je sechs Artikel aus zwei Fachzeitschriften A und B wurde die Anzahl der Zitationen erfasst:
Zeitschrift A
14
15
14
16
15
42
Zeitschrift B
11
12
11
13
11
10
Untersuchen Sie zum Niveau α=5%, ob Artikel in Zeitschrift A im Mittel häufiger
zitiert werden als in Zeitschrift B.
Hinweis zur Musterlösung: Sie schreibt die Alternative als H1; hier heißt sie wie im
Skript HA — gemeint ist dasselbe. Als Ausgabe von wilcox.test steht
dort p-value = 0.002312. Die aktuelle R-Version und die Rechnung von
Hand ergeben den exakten Wert 1/924≈0,001082. Die 0,002312 ist eine Näherung, die
ältere R-Versionen bei gleichen Werten automatisch nehmen (Schritt 18). Beide Werte sind kleiner
als 0,05: Die Entscheidung „H0 verwerfen“ und die Antwort bleiben gleich.
1. Welcher Test passt?
Daten ansehen, Voraussetzung prüfen
Schritt 1Zwei unabhängige Stichproben
Zeitschrift A: Zitationen der sechs Artikel
a1=14,a2=15,a3=14,a4=16,a5=15,a6=42
Zeitschrift B: Zitationen der sechs Artikel
b1=11,b2=12,b3=11,b4=13,b5=11,b6=10
Stichprobenumfänge: n Werte von A, m Werte von B
n=6,m=6
Schritt 2Mittelwert und Median: die 42 zieht
Stichprobenmittelwerte: Summe geteilt durch die Anzahl, auf zwei Stellen gerundet
xˉA=614+15+14+16+15+42=6116≈19,33
xˉB=611+12+11+13+11+10=668≈11,33
Mediane: sortieren, bei sechs Werten der Mittelwert von Platz 3 und Platz 4
A sortiert: 14,14,15,15,16,42⇒x˙A=215+15=15
B sortiert: 10,11,11,11,12,13⇒x˙B=211+11=11
Zum Vergleich: der Mittelwert von A ohne die 42
514+15+14+16+15=574=14,8
Schritt 3Die 42 ist ein Ausreißer
Boxplot-Regel für A: Box vom Median der unteren bis zum Median der oberen Hälfte
Median 1414,14,15Median 1615,16,42Box von 14 bis 16, Breite 2
Grenzen: das 1,5-Fache der Boxbreite von den Boxrändern nach außen
16+1,5⋅2=19,14−1,5⋅2=11
42>19⇒42 ist ein Ausreißer
Dieselbe Regel für B: Box von 11 bis 12, Breite 1
12+1,5⋅1=13,5,11−1,5⋅1=9,5⇒alle Werte von B liegen dazwischen
Shapiro-Wilk-Test: H0 „die Daten stammen aus einer Normalverteilung“, zum Niveau 0,05
A: p=0,000132<0,05⇒Normalverteilung verworfen
B: p=0,4733>0,05⇒nichts spricht gegen Normalverteilung
shapiro.test(c(14, 15, 14, 16, 15)) # A ohne die 42
#W = 0.88104, p-value = 0.314
Der Zweistichproben-t-Test braucht Normalverteilung in beiden Gruppen
A nicht normalverteilt⇒t-Test nicht gu¨ltig
Schritt 5Der Ausweg: ein Test mit Rängen
Zweistichproben-t-Test
Wilcoxon-Rangsummentest
rechnet mit
den Werten selbst
den Rängen (Plätzen in der sortierten Reihe)
braucht Normalverteilung
ja, in beiden Gruppen
nein
vergleicht
die Mittelwerte aller Artikel der beiden Zeitschriften
die Mediane aller Artikel der beiden Zeitschriften
Wirkung der 42
groß
klein: sie ist nur „der größte Wert“
Voraussetzungen des Wilcoxon-Rangsummentests (Skript)
zwei unabha¨ngige Stichproben, stetige Verteilungen von vergleichbarer Form
2. Hypothesen
was gezeigt werden soll
Schritt 6Hypothesen und Signifikanzniveau
μ˙A, μ˙B: Median der Zitationen aller Artikel der Zeitschrift
(unbekannt)
H0:μ˙A≤μ˙BgegenHA:μ˙A>μ˙B
Signifikanzniveau aus der Aufgabe
α=5%=0,05
3. Die Teststatistik W
sortieren, Ränge vergeben, Rangsumme bilden
Schritt 7Alle zwölf Werte in eine Reihe sortieren
Platz
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
Wert
10
11
11
11
12
13
14
14
15
15
16
42
von
B
B
B
B
B
B
A
A
A
A
A
A
Schritt 8Ränge vergeben: der Platz in der Reihe
Platz
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
Wert
10
11
11
11
12
13
14
14
15
15
16
42
von
B
B
B
B
B
B
A
A
A
A
A
A
Rang
1
?
?
?
5
6
?
?
?
?
11
12
Ein Wert, der nur einmal vorkommt: Rang = Platz
10→1,12→5,13→6,16→11,42→12
Der Ausreißer verliert seine Größe: Abstand zum Nachbarn vorher und nachher
Werte: 42−16=26Ra¨nge: 12−11=1
Schritt 9Gleiche Werte: der mittlere Rang
Die drei Werte 11 stehen auf Platz 2, 3 und 4
32+3+4=39=3
Die zwei Werte 14 stehen auf Platz 7 und 8
27+8=215=7,5
Die zwei Werte 15 stehen auf Platz 9 und 10
29+10=219=9,5
Platz
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
Wert
10
11
11
11
12
13
14
14
15
15
16
42
von
B
B
B
B
B
B
A
A
A
A
A
A
Rang
1
3
3
3
5
6
7,5
7,5
9,5
9,5
11
12
Schritt 10Die Rangsummen
Zeitschrift A
14
15
14
16
15
42
Rang
7,5
9,5
7,5
11
9,5
12
Σ 57
Zeitschrift B
11
12
11
13
11
10
Rang
3
5
3
6
3
1
Σ 21
Rangsumme von A: die Ränge der sechs A-Artikel addieren
RA=7,5+9,5+7,5+11+9,5+12=57
Rangsumme von B
RB=3+5+3+6+3+1=21
Probe: zusammen muss die Summe aller Ränge 1 bis 12 herauskommen
RA+RB=57+21=78,1+2+⋯+12=212⋅13=78✓
Schritt 11Die Teststatistik W
Teststatistik des Wilcoxon-Rangsummentests (n = Anzahl der Werte von A)
W=RA−2n(n+1)
Der abgezogene Teil ist die kleinstmögliche Rangsumme von A: die Ränge 1 bis 6
2n(n+1)=26⋅7=21=1+2+3+4+5+6
Eingesetzt
W=57−21=36
Kleinster und größter möglicher Wert (A ganz unten bzw. ganz oben)
Wmin=21−21=0,Wmax=(7+8+⋯+12)−21=57−21=36
Schritt 12Was W zählt
Ist a größer als b?
b = 11
12
11
13
11
10
Anzahl
a = 14
1
1
1
1
1
1
6
a = 15
1
1
1
1
1
1
6
a = 14
1
1
1
1
1
1
6
a = 16
1
1
1
1
1
1
6
a = 15
1
1
1
1
1
1
6
a = 42
1
1
1
1
1
1
6
Σ
36
W = Anzahl der Paare (ein Wert a aus A, ein Wert b aus B) mit a>b; gleich
große Paare zählen 21
W=6⋅6=36=n⋅m
Warum das dieselbe Zahl ist: Rang eines A-Werts = B-Werte darunter + Rang innerhalb von A
7,5=6+1,5,9,5=6+3,5,11=6+5,12=6+6
RA=Paare mit a>b6⋅6+=21(1,5+1,5+3,5+3,5+5+6)=36+21=57
4. Der p-Wert, exakt von Hand
alle Aufteilungen abzählen
Schritt 13Der p-Wert: wie extrem ist W = 36?
Großes W spricht für HA (A wird öfter zitiert). „Extremer“ heißt hier: noch größer
p=P(W≥36∣H0)
Gerechnet wird am Rand von H0: beide Zeitschriften gleich
μ˙A=μ˙B
Schritt 14Unter H₀ ist jede Aufteilung gleich wahrscheinlich
Die zwölf Ränge als Kärtchen; sechs davon gehören zu A
1,3,3,3,5,6,7,5,7,5,9,5,9,5,11,12
Binomialkoeffizient „12 über 6“: so viele Arten gibt es, 6 von 12 auszuwählen
(612)=6⋅5⋅4⋅3⋅2⋅112⋅11⋅10⋅9⋅8⋅7
Zähler und Nenner einzeln ausrechnen, dann teilen
=720665.280=924
Unter H0 ist jede Aufteilung gleich wahrscheinlich (Laplace)
P(eine bestimmte Aufteilung)=9241
Schritt 15Nur eine Aufteilung ergibt W = 36
W=36 heißt RA=57: A muss genau die sechs größten Ränge haben
7,5+7,5+9,5+9,5+11+12=57
Größer als 36 geht nicht (Schritt 11). Also:
p=P(W≥36∣H0)=P(W=36∣H0)=9241
Als Dezimalzahl, auf sechs Nachkommastellen gerundet
p=0,001082≈0,11%
Zum Vergleich: schon ein einziger Tausch (eine 14 zu B, die 13 zu A) gäbe
RA=57−7,5+6=55,5,W=55,5−21=34,5
Schritt 16Entscheidung und Antwort
Entscheidungsregel: H0 verwerfen, wenn p≤α
p=0,001082≤α=0,05⇒H0 verwerfen
p-Wert
gegen H0 spricht …
über 15 %
nichts
10 % bis unter 15 %
kaum etwas
5 % bis unter 10 %
einiges
1 % bis unter 5 %
vieles
unter 1 % (hier 0,11 %)
sehr vieles
Antwort: Zum Niveau 5 % ist nachgewiesen, dass Artikel in Zeitschrift A häufiger
zitiert werden als Artikel in Zeitschrift B — gemessen am Median, also an einem typischen
Artikel.
Schritt 17Probe mit R: wilcox.test
rank(c(A, B))
#[1] 7.5 9.5 7.5 11.0 9.5 12.0 3.0 5.0 3.0 6.0 3.0 1.0
sum(rank(c(A, B))[1:6])
#[1] 57
choose(12, 6)
#[1] 924
wilcox.test(A, B, alternative = "greater")
# Wilcoxon rank sum exact test
#data: A and B
#W = 36, p-value = 0.001082
#alternative hypothesis: true location shift is greater than 0
Vergleich mit der Rechnung von Hand
RA=57✓W=36✓p=9241=0,001082✓
Schritt 18Zur Musterlösung: warum dort 0,002312 steht
wilcox.test(A, B, alternative = "greater", exact = FALSE)
# Wilcoxon rank sum test with continuity correction
#W = 36, p-value = 0.002312
Die Näherung ersetzt die Säulen durch eine Normalverteilung. Mitte von W:
2n⋅m=26⋅6=18
Standardabweichung von W mit Korrektur für die gleichen Werte (nur zum Nachvollziehen;
Bindungen: 3-mal 11, 2-mal 14, 2-mal 15)
✓Artikel in Zeitschrift A werden zum Niveau 5 % nachweislich häufiger zitiert als Artikel
in Zeitschrift B
Proben:RA+RB=78=1+2+⋯+12. rank,
choose und wilcox.test in R bestätigen 57,
924, W=36 und p=0,001082. W=36 ist der größte mögliche Wert 6⋅6: Jeder
Artikel aus A hat mehr Zitationen als jeder aus B.
Typische Fehler: Den t-Test trotz Ausreißer nehmen. Gleiche Werte nicht mit dem
mittleren Rang versehen (die Probe 78 fällt dann meist durch). RA=57 schon für W halten
und die 21 nicht abziehen. In R die Reihenfolge vertauschen:
wilcox.test(B, A, alternative = "greater") prüft „B größer als A“
und liefert W=0, p=1.