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LAG · Übungsblatt 4 · Aufgabe 9

Lösungsmengen linearer Gleichungssysteme angeben

Sechs lineare Gleichungssysteme (LGS) sollen gelöst werden. Die Lösung wird nicht als Liste von Zahlen angegeben, sondern als Lösungsmenge in einer festen Form: ein Vektor, der das System löst, plus alle Lösungen des zugehörigen Systems mit rechter Seite 0. Dafür wird jedes System mit dem Gauß-Algorithmus umgeformt. Der ganze Lösungsweg steht offen da, die Erklärung gehört jeweils zum aktuellen Schritt. Mit Weiter geht es Schritt für Schritt voran. Ein Klick auf einen Schritt springt direkt dorthin.

Die Aufgabe

Geben Sie die Lösungsmengen der folgenden linearen Gleichungssysteme in der Form spezielle Lösung des inhomogenen Systems plus allgemeine Lösung des homogenen Systems an.

a) und b)
a) 2x1+3x2=1x1+2x2=0b) 3x1−x2=2\text{a)}\ \begin{aligned} 2x_1 + 3x_2 &= 1 \\ x_1 + 2x_2 &= 0 \end{aligned} \qquad \text{b)}\ 3x_1 - x_2 = 2
c) und d)
c) x1+3x2+x3=0x2−x3=1d) x1+x2+x3=0−x1+x2−x3=0x1+x3=0\text{c)}\ \begin{aligned} x_1 + 3x_2 + x_3 &= 0 \\ x_2 - x_3 &= 1 \end{aligned} \qquad \text{d)}\ \begin{aligned} x_1 + x_2 + x_3 &= 0 \\ -x_1 + x_2 - x_3 &= 0 \\ x_1 + x_3 &= 0 \end{aligned}
e) und f)
e) x1+x2+x3+x4=1x1+x2−x3−x4=−1x1−x2−x3−x4=0f) x1+x2+x3−x4+x5=1\text{e)}\ \begin{aligned} x_1 + x_2 + x_3 + x_4 &= 1 \\ x_1 + x_2 - x_3 - x_4 &= -1 \\ x_1 - x_2 - x_3 - x_4 &= 0 \end{aligned} \qquad \text{f)}\ x_1 + x_2 + x_3 - x_4 + x_5 = 1

Gegeben sind sechs Gleichungssysteme. Von jedem soll man alle Lösungen angeben, also die Lösungsmenge. Sie soll in einer bestimmten Form stehen: eine spezielle Lösung (ein einzelner Vektor, der alle Gleichungen des Systems erfüllt) plus die allgemeine Lösung des homogenen Systems. „Homogen“ heißt: Auf der rechten Seite aller Gleichungen steht 0.

So gehen wir vor:

  1. Klären, wie die Lösungsmenge aussieht und warum die verlangte Form immer klappt.
  2. Jedes System a) bis f) in einem eigenen Teil: als Matrix aufschreiben, mit Zeilenoperationen umformen, spezielle Lösung und Richtungsvektoren ablesen, Probe.
  3. Am Ende alle sechs Ergebnisse zusammenfassen und typische Fehler nennen.
Merke: Lösungsmenge = eine spezielle Lösung + Spann der Lösungen des homogenen Systems. Der Spann von Vektoren sind alle ihre Vielfachen und Summen davon. Hat das System keine freie Unbekannte, besteht die Lösungsmenge aus einem einzigen Vektor.

Die gesuchte Form der Lösungsmenge

Form der Lösungsmenge von A x = b
L={ xs+y∣Ay=0 }=xs+⟨v1,…,vk⟩L = \{\, x_s + y \mid A y = 0 \,\} = x_s + \langle v_1, \dots, v_k \rangle

Dabei ist xsx_s die spezielle Lösung (Axs=bA x_s = b), und v1,…,vkv_1, \dots, v_k sind linear unabhängige Lösungen von Ay=0A y = 0, die alle anderen erzeugen.

Ein LGS schreibt man kurz als Ax=bA x = b. Dabei ist AA die Matrix der Zahlen vor den Unbekannten, xx der Vektor der Unbekannten und bb der Vektor der rechten Seiten. Die Lösungsmenge LL enthält alle Vektoren xx, die Ax=bA x = b erfüllen.

Das homogene System gehört zum selben AA, hat aber rechts nur Nullen: Ay=0A y = 0. Seine Lösungen kann man addieren und mit Zahlen malnehmen, ohne dass sie das System verlassen. Darum lassen sie sich als Spann einiger Vektoren v1,…,vkv_1, \dots, v_k schreiben. Der Spann ⟨v1,…,vk⟩\langle v_1, \dots, v_k \rangle besteht aus allen Vektoren s1v1+⋯+skvks_1 v_1 + \dots + s_k v_k mit beliebigen Zahlen sis_i.

Aus Ü4 A3 („Ebene durch drei Punkte: Nebenklasse, Höhenformel, Spurgerade“): Ein Aufpunkt plus ein Spann beschreibt eine verschobene Ebene oder Gerade. Hier ist es genauso, nur in mehr Dimensionen.

Warum geht das? Ist xsx_s eine Lösung von Ax=bA x = b und yy eine Lösung von Ay=0A y = 0, dann gilt A(xs+y)=Axs+Ay=b+0=bA(x_s + y) = A x_s + A y = b + 0 = b. Umgekehrt ist für jede Lösung xx der Unterschied x−xsx - x_s eine Lösung des homogenen Systems, denn A(x−xs)=b−b=0A(x - x_s) = b - b = 0.

Das Verfahren: umformen, freie Unbekannte erkennen, ablesen

Aus dem Rang folgt die Zahl der Richtungsvektoren
n⏟Unbekannte=Rang⁡(A)⏟festgelegt+k⏟frei\underbrace{n}_{\text{Unbekannte}} = \underbrace{\operatorname{Rang}(A)}_{\text{festgelegt}} + \underbrace{k}_{\text{frei}}

Jedes System wird als Tabelle (A∣b)(A|b) geschrieben und mit Zeilenoperationen umgeformt, bis in jeder nicht-leeren Zeile eine führende 1 steht und in ihrer Spalte sonst nur Nullen. Dieses Verfahren heißt Gauß-Algorithmus (hier in der Form nach Gauß-Jordan).

Erlaubt sind drei Umformungen: zwei Zeilen vertauschen, eine Zeile mit einer Zahl ungleich 0 malnehmen und ein Vielfaches einer Zeile zu einer anderen Zeile addieren. Jede Zeile ist eine Gleichung; diese Umformungen ändern die Lösungen des Systems nicht. Die erweiterte Matrix (A∣b)(A|b) hat links die Zahlen von AA und rechts nach einem Strich die von bb.

Der Rang von AA ist die Zahl der Zeilen, die nach dem Umformen nicht nur aus Nullen bestehen. Hat AA insgesamt nn Spalten (also nn Unbekannte), dann haben Rang⁡(A)\operatorname{Rang}(A) Unbekannte eine führende 1 in ihrer Spalte. Die übrigen k=n−Rang⁡(A)k = n - \operatorname{Rang}(A) Unbekannten sind frei: Man darf sie beliebig wählen und nennt sie dann ss, tt, … (Parameter). Die anderen ergeben sich daraus. Das ist die Regel der Umformung; es geht auch anders: Man darf jede Unbekannte frei wählen, nach der sich die übrigen eindeutig auflösen lassen (siehe b)).

Aus der Lösung liest man ab: Setzt man alle Parameter 0, bleibt die spezielle Lösung xsx_s. Der Faktor vor jedem Parameter ist ein Richtungsvektor viv_i. Es gibt genau kk davon.

Merke: Ein System hat nur dann eine Lösung, wenn keine Zeile 0=c0 = c mit c≠0c \neq 0 entsteht. Bei allen sechs Systemen hier passiert das nicht; das zeigt sich beim Umformen.
Noch 26 Schritte bis zum Ergebnis
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Die sechs Lösungsmengen

spezielle Lösung und Richtungen

Abbildung 1Die sechs Lösungsmengen

spezielle Lösung und Richtungen

a) 2 Gleichungen, 2 UnbekannteRang 2 (Schritt 2) · freie Unbekannte: 0
spezielle Lösung(2, −1)ᵀ
Richtungenkeine, nur der Nullvektor
b) 1 Gleichung, 2 UnbekannteRang 1 (Schritt 2) · freie Unbekannte: 1
spezielle Lösung(0, −2)ᵀ
Spann von(1, 3)ᵀ
c) 2 Gleichungen, 3 UnbekannteRang 2 (Schritt 2) · freie Unbekannte: 1
spezielle Lösung(−3, 1, 0)ᵀ
Spann von(−4, 1, 1)ᵀ
d) 3 Gleichungen, 3 Unbekannte, rechts 0Rang 2 (Schritt 2) · freie Unbekannte: 1
spezielle Lösung(0, 0, 0)ᵀ
Spann von(−1, 0, 1)ᵀ
e) 3 Gleichungen, 4 UnbekannteRang 3 (Schritt 2) · freie Unbekannte: 1
spezielle Lösung(½, −½, 1, 0)ᵀ
Spann von(0, 0, −1, 1)ᵀ
f) 1 Gleichung, 5 UnbekannteRang 1 (Schritt 2) · freie Unbekannte: 4
spezielle Lösung(1, 0, 0, 0, 0)ᵀ
Spann von(−1, 1, 0, 0, 0)ᵀ(−1, 0, 1, 0, 0)ᵀ(1, 0, 0, 1, 0)ᵀ(−1, 0, 0, 0, 1)ᵀ
Legendegerade gemeintSechs Gleichungssysteme a) bis f). Unter jedem steht, was am Ende gesucht ist: eine spezielle Lösung und alle Vielfachen der Richtungsvektoren (der Spann).