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BWL · Probeklausur · Aufgabe 4

Was eine wissenschaftliche BWL tut

Gesucht sind die Aufgaben der Betriebswirtschaftslehre als Wissenschaft, mit den passenden Fachwörtern. Die Antwort ist ein Schaubild mit drei Stufen: erst die Wirklichkeit im Betrieb erkennen (beobachten, beschreiben, erklären), dann sie gestalten, und für alles gilt eine gemeinsame Regel. Jeder Fachbegriff wird an einem Beispiel aus einer Bäckereikette erklärt. Rechts steht der ganze Lösungsweg, links die Erklärung zum aktuellen Schritt. Mit → geht es Schritt für Schritt voran. Ein Klick auf einen Schritt springt direkt dorthin.

Schritt 0 Die Aufgabe

4. Formulieren Sie die Aufgaben einer wissenschaftlichen Betriebswirtschaftslehre. Nutzen Sie hierfür die entsprechende Fachterminologie. (07 P)

Wort in der Aufgabe Was es heißt
Formulieren in ganzen Sätzen aufschreiben, nicht nur Stichwörter
wissenschaftliche Betriebswirtschaftslehre die BWL als Wissenschaft, die nach festen Regeln arbeitet
Fachterminologie die Fachwörter: deskriptiv, explikativ, präskriptiv, intersubjektiv …
07 P 7 Punkte, laut Deckblatt der Klausur auch etwa 7 Minuten Zeit

Der Weg: Schritt 1 zeigt das Schaubild im Überblick. Schritte 2–6: die drei Aufgaben des Erkennens (Beobachtung, Beschreibung, Erklärung) und ihre Fachnamen. Schritte 7–8: die Gestaltung und woher ihre Ideen kommen. Schritte 9–10: die Regel, die für alle Aufgaben gilt. Schritt 11: die Antwort für die Klausur.

Erkennen

Was ist im Betrieb los, und warum?

Schritt 1 Worum es geht

Stufe im Schaubild Leitfrage Fachname
Beobachtung, Beschreibung Was ist? deskriptive (beschreibende) BWL
Erklärung Warum ist es so? explikative (erklärende) BWL
Gestaltung Was soll man tun? präskriptive (vorschreibende) BWL
Regel für alle Stufen Kann man das prüfen? rational kritisierbar (mit Gründen angreifbar), intersubjektiv nachprüfbar (von anderen prüfbar)

Durchgehendes Beispiel (ausgedacht): Eine Bäckereikette ärgert sich, dass abends viel Brot übrig bleibt.

Schritt 2 Beobachtung

Beobachtung der betrieblichen Wirklichkeit, Sammeln und Ordnen von Material bezüglich ausgewählter Fragestellungen.

Tag Wetter gebackene Brote übrige Brote
Montag trocken 200 16
Dienstag Regen 200 40
Mittwoch trocken 200 14
Donnerstag Regen 200 36

Beispiel (ausgedacht): gesammelte Zahlen der Filiale Nord, geordnet nach Tag und Wetter. Fragestellung: Warum bleibt abends so viel Brot übrig?

Schritt 3 Beschreibung mit präzisierten Begriffen

Beschreibung der betrieblichen Realität mit präzisierten Begriffen.

Ein präzisierter Begriff: die Restequote, allgemein und für Dienstag
Restequote=u¨brige Brotegebackene Brote=40200=0,20=20 %\text{Restequote} = \frac{\text{übrige Brote}}{\text{gebackene Brote}} = \frac{40}{200} = 0{,}20 = 20\,\%
Tag Rechnung Restequote
Montag 16 : 200 8 %
Dienstag 40 : 200 20 %
Mittwoch 14 : 200 7 %
Donnerstag 36 : 200 18 %

Schritt 4 Deskriptive BWL: Was ist?

deskriptiv = beschreibend (lateinisch describere: beschreiben)
Deskriptive BWL = Beobachtung + Beschreibung. Sie sagt, was ist.

Deskriptive Aussage im Beispiel: „In Filiale Nord lag die Restequote an den vier Tagen zwischen 7 % und 20 %. An beiden Regentagen war sie höher als an beiden trockenen Tagen.“

Schritt 5 Erklärung von Wirkungszusammenhängen

Erklärung von Wirkungszusammenhängen des Betriebsgeschehens.

Mittlere Restequote je Wetter, aus der Tabelle in Schritt 3
trocken: 8 %+7 %2=7,5 %Regen: 20 %+18 %2=19 %\text{trocken: } \frac{8\,\% + 7\,\%}{2} = 7{,}5\,\% \qquad \text{Regen: } \frac{20\,\% + 18\,\%}{2} = 19\,\%
Vermuteter Wirkungszusammenhang: Ursache → Wirkung
Regen → weniger Laufkunden → weniger verkauftes Brot → höhere Restequote

Schritt 6 Explikative BWL: Warum ist es so?

explikativ = erklärend (lateinisch explicare: erklären, wörtlich auseinanderfalten)
Explikative BWL = Beobachtung + Beschreibung + Erklärung. Sie sagt, warum etwas so ist.

Explikative Aussage im Beispiel: „Wenn es regnet, dann kommen weniger Laufkunden, und die Restequote steigt.“

Gestalten

Was soll der Betrieb tun?

Schritt 7 Gestaltung: die präskriptive BWL

präskriptiv = vorschreibend (lateinisch praescribere: vorschreiben)
Gestaltung der betrieblichen Realität = präskriptive BWL. Sie sagt, was man tun soll, um ein Ziel zu erreichen.
Verkaufte Brote an den Regentagen (gebacken − übrig)
Dienstag: 200−40=160Donnerstag: 200−36=164\text{Dienstag: } 200 - 40 = 160 \qquad \text{Donnerstag: } 200 - 36 = 164

Präskriptive Aussage im Beispiel: „Ziel: weniger Reste. Empfehlung: Ist Regen angesagt, backt Filiale Nord etwa 170 statt 200 Brote.“

Schritt 8 Kritisch hinterfragen und Utopien

Kritisch hinterfragen Utopien
Blick auf bestehende betriebswirtschaftliche Strukturen und Prozesse noch nicht realisierte betriebswirtschaftliche Konzepte
Frage Muss das so bleiben, wie es ist? Wie könnte es ganz anders gehen?
Beispiel „Jede Filiale hat bis Ladenschluss alle Sorten im Regal. Ist das nötig?“ „Kunden bestellen am Vorabend per App. Gebacken wird fast nur, was bestellt ist.“

Beide liefern Ideen für die Gestaltung (die beiden Pfeile im Schaubild).

Die Regel für alle Aufgaben

Was eine Aussage wissenschaftlich macht

Schritt 9 Rational kritisierbar

Zuerst das Wort aus der Regel: Aussagensystem
Aussagensystem = mehrere Aussagen, die zusammengehören und sich nicht widersprechen.
rational = mit dem Verstand, mit Gründen · kritisierbar = man kann mit Gründen widersprechen
Eine Aussage ist rational kritisierbar, wenn sie so klar und begründet ist, dass man sie mit Argumenten angreifen und widerlegen kann.
Aussage rational kritisierbar?
„Bei Regen steigt die Restequote, weil weniger Laufkunden kommen.“ ja: klare Ursache, klare Wirkung, man kann Gegengründe prüfen
„Brot geht halt mal besser, mal schlechter.“ nein: so vage, dass niemand widersprechen kann

Schritt 10 Intersubjektiv nachprüfbar

inter = zwischen · Subjekt = die einzelne Person
Eine Aussage ist intersubjektiv nachprüfbar, wenn verschiedene Personen sie mit denselben Daten und Methoden prüfen können und dabei untereinander zum selben Prüfergebnis kommen. Das Ergebnis kann auch lauten: Die Aussage stimmt nicht.
Aussage intersubjektiv nachprüfbar?
„Am Dienstag blieben in Filiale Nord 40 von 200 Broten übrig.“ ja: jeder kann Backzettel und Kasse nachzählen
„Die Verkäuferin hat das Gefühl, dienstags ist weniger los.“ nein: das Gefühl kennt nur sie selbst

Schritt 11 Ergebnis

So kann die Antwort in der Klausur lauten (am besten mit dem Schaubild oben):

✓Beobachtung der betrieblichen Wirklichkeit: Sammeln und Ordnen von Material bezüglich ausgewählter Fragestellungen.
✓Beschreibung der betrieblichen Realität mit präzisierten Begriffen. Beobachtung und Beschreibung bilden die deskriptive (beschreibende) BWL.
✓Erklärung von Wirkungszusammenhängen des Betriebsgeschehens. Zusammen mit Beobachtung und Beschreibung ist das die explikative (erklärende) BWL.
✓Darauf baut die Gestaltung der betrieblichen Realität auf: die präskriptive (vorschreibende) BWL.
✓Ideen für die Gestaltung kommen erstens daher, betriebswirtschaftliche Strukturen und Prozesse kritisch zu hinterfragen.
✓Zweitens kommen sie aus Utopien, also noch nicht realisierten betriebswirtschaftlichen Konzepten.
✓Bei allen Aufgaben müssen rational kritisierbare und intersubjektiv nachprüfbare Aussagensysteme formuliert werden.
Fachwort auf Deutsch Leitfrage
deskriptiv beschreibend Was ist?
explikativ erklärend Warum ist es so?
präskriptiv vorschreibend Was soll man tun?
intersubjektiv nachprüfbar von verschiedenen Personen prüfbar Kommen verschiedene Prüfer zum selben Prüfergebnis?
rational kritisierbar mit Gründen angreifbar Kann man mit Argumenten widersprechen?
Aussagensystem zusammengehörende, widerspruchsfreie Aussagen Passen die Aussagen zusammen?
Wirkungszusammenhang Ursache → Wirkung Was bewirkt was?
präzisierter Begriff genau festgelegter Begriff Meinen alle dasselbe?
Utopie noch nicht realisiertes Konzept Wie könnte es ganz anders gehen?