studyklar
LAG · Übungsblatt 6 · Aufgabe 3

Injektiv genau dann, wenn der Kern null ist

Ein Satz über lineare Abbildungen soll bewiesen werden: Eine lineare Abbildung ist genau dann injektiv, wenn ihr Kern nur aus dem Nullvektor besteht. „Genau dann, wenn“ heißt: Man muss zwei Richtungen zeigen. Rechts steht der ganze Beweis, links die Erklärung zu jeder Zeile. Mit Weiter geht es Schritt für Schritt voran. Ein Klick auf einen Schritt springt direkt dorthin.

Die Aufgabe

Satz: Eine lineare Abbildung f:U→Vf: U \to V ist genau dann injektiv (eindeutig), wenn Kern⁡(f)=0\operatorname{Kern}(f) = 0 ist.

Beweisen Sie diesen Satz.

Hinweis: Man muss beide Richtungen beweisen, d.h.

⇒) Zeigen, dass aus der Injektivität Kern(f) = 0 folgt.

⇐) Zeigen, dass aus Kern(f) = 0 die Injektivität folgt.

UU und VV sind Vektorräume, ff bildet jeden Vektor uu aus UU auf einen Vektor f(u)f(u) in VV ab. ff ist linear: f(u1+u2)=f(u1)+f(u2)f(u_1 + u_2) = f(u_1) + f(u_2) und f(λu)=λf(u)f(\lambda u) = \lambda f(u) für alle Vektoren und jede Zahl λ\lambda. Zu beweisen ist: ff ist injektiv genau dann, wenn Kern⁡(f)={0U}\operatorname{Kern}(f) = \{0_U\} ist.

„Kern(f) = 0“ in der Aufgabe meint: Der Kern ist die Menge, die nur den Nullvektor enthält. Wir schreiben dafür Kern⁡(f)={0U}\operatorname{Kern}(f) = \{0_U\}. Dabei ist 0U0_U der Nullvektor von UU; Schritt 2 erklärt das genauer. Was „injektiv“ und „Kern“ genau heißen, klären die ersten zwei Schritte.

Merke: „AA genau dann, wenn BB“ (kurz A⇔BA \Leftrightarrow B) heißt: Aus AA folgt BB, und aus BB folgt AA. Ein Beweis braucht beide Richtungen.

So gehen wir vor:

  1. Die Begriffe: injektiv und Kern.
  2. Richtung ⇒: Wir nehmen an, ff ist injektiv, und zeigen Kern⁡(f)={0U}\operatorname{Kern}(f) = \{0_U\}.
  3. Richtung ⇐: Wir nehmen Kern⁡(f)={0U}\operatorname{Kern}(f) = \{0_U\} an und zeigen, dass ff injektiv ist.

Was „injektiv“ heißt

Definition: f ist injektiv
fu¨r alle u1,u2∈U:f(u1)=f(u2) ⇒ u1=u2\text{für alle } u_1, u_2 \in U: \quad f(u_1) = f(u_2) \ \Rightarrow\ u_1 = u_2

Injektiv (die Aufgabe sagt auch „eindeutig“) heißt: Zwei verschiedene Vektoren landen nie auf demselben Ergebnis. Ein Vektor uu heißt Urbild von ww, wenn f(u)=wf(u) = w ist; ww heißt dann das Bild von uu. Injektiv heißt: Zu jedem ww gibt es höchstens ein solches uu.

Für einen Beweis braucht man die Form rechts: Haben zwei Vektoren dasselbe Bild, dann sind sie gleich. Diese Form sagt dasselbe wie „verschiedene Vektoren, verschiedene Bilder“, nur von hinten gelesen. Denn wenn aus u1≠u2u_1 \neq u_2 immer f(u1)≠f(u2)f(u_1) \neq f(u_2) folgt, kann f(u1)=f(u2)f(u_1) = f(u_2) nur bei u1=u2u_1 = u_2 vorkommen.

Beispiel einer nicht injektiven linearen Abbildung: f(xy)=(x0)f\begin{pmatrix} x \\ y \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} x \\ 0 \end{pmatrix}. Sie löscht die zweite Koordinate. So ist f(11)=(10)=f(15)f\begin{pmatrix} 1 \\ 1 \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} 1 \\ 0 \end{pmatrix} = f\begin{pmatrix} 1 \\ 5 \end{pmatrix}, obwohl die beiden Vektoren verschieden sind.

Was der Kern ist

Definition: Kern von f
Kern⁡(f)={ u∈U∣f(u)=0V }\operatorname{Kern}(f) = \{\, u \in U \mid f(u) = 0_V \,\}
Was zu zeigen ist
f injektiv⟺Kern⁡(f)={0U}f \text{ injektiv} \quad \Longleftrightarrow \quad \operatorname{Kern}(f) = \{0_U\}

Der Kern von ff ist die Menge aller Vektoren aus UU, die ff auf den Nullvektor abbildet. Den senkrechten Strich in der Formel liest man „für die gilt“.

UU und VV haben je einen eigenen Nullvektor. Wir schreiben 0U0_U für den Nullvektor in UU und 0V0_V für den in VV. So sieht man in jeder Zeile, wo man gerade ist.

Im Beispiel f(xy)=(x0)f\begin{pmatrix} x \\ y \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} x \\ 0 \end{pmatrix} liegt (01)\begin{pmatrix} 0 \\ 1 \end{pmatrix} im Kern, denn sein Bild ist (00)\begin{pmatrix} 0 \\ 0 \end{pmatrix}. Der Kern ist dort also größer als {0U}\{0_U\}, und die Abbildung ist nicht injektiv. Genau diesen Zusammenhang beweist der Satz.

Aus Ü6 A2 („Wahr oder falsch: lineare Abbildungen“): Der Kern einer linearen Abbildung f:U→Vf: U \to V ist {u∈U∣f(u)=0}\{u \in U \mid f(u) = 0\}: Die Vektoren kommen aus UU, nicht aus VV.
Noch 9 Schritte bis zum Ergebnis
Den ganzen Lösungsweg sehen Studierende und Lehrende der HS KL. Registriere dich mit deiner Adresse @stud.hs-kl.de oder @hs-kl.de, dann geht es hier direkt weiter.

Beweis

beide Richtungen, Zeile für Zeile

Abbildung 1Beweis

beide Richtungen, Zeile für Zeile

  1. Richtung ⇒
  2. f ist injektivf \text{ ist injektiv}Voraussetzung
  3. Hilfssatz für jedes lineare f, ohne Injektivität (Rechnung in Schritt 4)
    f(0U)=0Vf(0_U) = 0_V
  4. Definition des Kerns
    0U∈Kern⁡(f)0_U \in \operatorname{Kern}(f)
  5. neu: ein beliebiges u aus dem Kern; dazu die Zeile „f(Nullvektor) = Nullvektor“ von oben
    u∈Kern⁡(f): f(u)=0V=f(0U)u \in \operatorname{Kern}(f):\ f(u) = 0_V = f(0_U)
  6. f ist injektiv: gleiches Bild, also gleiches Urbild
    u=0Uu = 0_U
  7. der Nullvektor liegt im Kern, und sonst liegt nichts darin
    Kern⁡(f)={0U}\operatorname{Kern}(f) = \{0_U\}
  8. Richtung ⇐
  9. Kern⁡(f)={0U}\operatorname{Kern}(f) = \{0_U\}Voraussetzung
  10. zwei beliebige Vektoren mit gleichem Bild nehmen
    u1,u2∈U mit f(u1)=f(u2)u_1, u_2 \in U \text{ mit } f(u_1) = f(u_2)Voraussetzung
  11. f ist linear; dann f(u₁) = f(u₂) einsetzen
    f(u1−u2)=f(u1)−f(u2)=0Vf(u_1 - u_2) = f(u_1) - f(u_2) = 0_V
  12. Definition des Kerns
    u1−u2∈Kern⁡(f)u_1 - u_2 \in \operatorname{Kern}(f)
  13. im Kern liegt nur der Nullvektor
    u1−u2=0Uu_1 - u_2 = 0_U
  14. auf beiden Seiten u₂ addieren
    u1=u2, also ist f injektivu_1 = u_2, \text{ also ist } f \text{ injektiv}
Legendegerade gemeintDie letzte Zeile jeder Richtung ist ihr Ziel.Jede Zeile folgt aus den Zeilen darüber und der Regel am Pfeil.